Lichtspiel

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Lichtspiel

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Er fing an zu kochen, der Kaffee. Der Dampf duftete, warm und feucht, als er aus der Kanne aufstieg. Sein Schatten zwirbelte sich über die Wand gegenüber der Küchenzeile und verflüchtigte sich ins Dunkel an der Decke des Zimmers. Schnell drehte er den Herd ab und stellte die Kanne auf die andere, noch kalte Platte. Er atmete den Kaffeegeruch ein – ein und aus –, ließ den Blick über die Tassen im Regal schweifen. Ein Nachtkaffee brauchte, wie immer, eine nachtdunkle Tasse. Die schwarze Glasur glänzte im gelben Licht der Lampe, die zarten Einkerbungen blitzten auf. Wie Sterne, dachte er, und strich darüber, über die Kratzer im Ton, die sie jetzt wieder waren. Mit dem Kaffee in der Hand wand er sich zum Sessel. Das Küchenlicht teilte den Raum auf in sein und nicht sein. Bücher verloren an Fülle und waren nur noch Rücken, der Sessel und die Bilder an den Wänden nur noch Schemen. Er sah, wie sein Schatten über den Boden ging und sich auf dem Sessel niederließ. Er blickte durch das Fenster auf die Straße. Von dort aus konnte man gegenüber ein Mietshaus sehen. Fenster reihte sich an Fenster, eine gesichtslose Scheibe neben der anderen. Und doch, nachts gaben sie etwas von sich preis. So wie der Kaffeedampf, traten dort Schatten und Lichter zum Vorschein. Das Fenster, das auf selber Höhe gegenüber lag, gehörte einem Mann. Es gab einen großen Schrank mit einem Spiegel in dem Raum, und er hatte ihn schon oft beim Proben beobachtet. Wild gestikulierend, im Zimmer auf und ab laufend, übte er seinen Text, starb Tode, verliebte und vergaß sich. Gegenüber ging das Licht an.

Der Mann ließ seine Hand über den Schalter gleiten und betrachtete den Raum. Er war kahl und er liebte das. Die leeren Wände boten Raum, ihr Weiß die Leinwand für all das, was er sein wollte. Oder eher sein musste, um die Miete zu bezahlen. Er strich den Gedanken beiseite und griff sich das Textbuch, ein Stapel zusammen gehefteter Blätter, Worte, die ihm in Times New Roman Schriftgrad 12 seelenlos entgegen starrten. Es nannte sich Verena und der andere, war die wohl siebenhundertdreiundzwanzigste Neuinterpretation von Shakespeares Klassiker und verzerrte die Tragödie um die beiden star-crossed lovers zu einer modernen Komödie. Er räusperte sich, warf noch einen letzten Blick auf die Zeilen und trat in den Raum. Schon stand Pedro auf der Bühne, ein liebeskranker Narr, der Verena verehrte. Verena war schön und erwiderte diese Zuneigung nicht, sie liebte einen anderen. Pedro jedoch missverstand jedes ihrer Worte als eine Liebeserklärung, jeden Blick als eine Liebkosung, jede Abweisung als Ermutigung. Wie konnte man so verblendet sein? Er dachte an Jule, ihre zarte Haut, die blonden Haare. Ihre langen, schmalen Finger, die über seine Wange strichen. Er sah sie in dem hellblauen Kleid, das er so mochte. Roch ihren Duft, leicht zitronig, oder irgendwie fruchtig, lebendig. So leicht wie ihr Lachen, wie die tippelnden Schritte, die sie machte, wenn sie, bevor sie los gingen, doch noch mal nachschauen musste, ob wirklich alle Fenster zu waren. Schnell, vielleicht hektisch, aber immer noch verspielt. Wenn er sie beobachtete, hatte er immer das Gefühl, sie folgte dem Rhythmus ihrer eigenen Welt, der sich zwar angenähert hatte an den seinen, an den der anderen – aber doch immer wieder mit regelmäßigen Ausreißern. Ausreißer, in denen sie … Gerade als Pedro in einem Monolog darüber philosophierte, auf welches Körperteil er sich Verenas Namen tätowieren lassen sollte, klingelte die Tür. Er flog aus dem Zimmer in den Flur.

Der Kaffee hatte sich etwas abgekühlt und glitt angenehm durch seinen Mund. Gegenüber starrte ihn das leere, helle Zimmer an, als bestünde es aus Scheinwerfern, die sich auf ihn gerichtet hatten. Fast vorwurfsvoll, ja verachtend, schienen sie ihn anzugaffen, ihn zu entblößen, wie er da saß im Halbdunkeln. Er sah die Frau, die unten an der Tür stand. Der Lichtkegel der Straßenlampe, der kaum über ihren Körper hinausging, ließ sie wirken wie eine Gestrandete auf einer Insel aus Straßenlaternenlicht. Die Außenwelt, um sie herum, und doch nicht greifbar. Er beugte sich näher an das Fenster heran, er bemerkte eine Fliege, die regungslos auf der Scheibe saß. Die Frau trat von einem Fuß auf den andern, wiegte den Körper leicht vor und zurück. Endlich ging die Tür auf.

Er sah es ihrem Blick an. Sie hätte ihr Gesicht in Stein hauen lassen können, kein Zucken, keine Regung, doch er sah es in ihren Augen. Scheu legte sie den Kopf schief, forschte in seinem Gesicht, nach was, wusste er nicht. Leere sammelte sich in seinem Körper, er atmete schnell ein, um sie zu füllen. "Kann ich rein kommen?" Er nickte nur, trat zurück, ließ sie durch. Sie ging, und ging durch ihn hindurch. Oben zögerte sie kurz, bevor sie eintrat. Er wollte es nicht, und doch spürte er, wie er jeden ihrer Schritte erschwerte. Er wusste nicht, was er gedacht hatte, was er noch vor ein paar Minuten kurz geglaubt hatte – er senkte den Blick, betrachtete die dunklen Härchen auf seinem Arm, bis sie vor ihm stand, mit ihrem Buch in der Hand. Ich hätte es dir auch vorbei gebracht, sagte er und konnte die Augen nicht lösen von dem zerfledderten Umschlag. Er fühlte, wie sich ihr Körper anspannte. Sie lächelte sanft, nein, ich war sowieso gerade in der Gegend. Stille. Salbeitee – er hatte welchen da, er wusste, wie sehr sie ihn mochte. Er sah zur Küche, die in Schatten lag, nur spärlich erhellt durch das Licht, das aus dem Flur hinein fiel. Dann blickte er sie an, nur kurz. Er fühlte, wie sich seine Lungen schon füllten, doch dann sah er, wie sie ansetzte, etwas zu sagen. Da trat er schnell zur Seite, macht ihr den Weg frei und sah die Erleichterung in ihrem Gesicht. „Komm gut heim“; er war sich nicht sicher, ob er es nur dachte oder tatsächlich aussprach. Dann flog ihre zarte Gestalt die Treppen hinunter, ihr Schatten folgte ihr tanzend. Er schloss die Tür. Fast rannte er in das Zimmer zurück, zurück auf die Bühne, zurück in das Stück, zurück zu Pedro. Schnell nahm er den Monolog wieder auf. Er war Pedro, und Pedro liebte Verena. So musste er sich nicht schämen, als unten die Tür ins Schloss fiel, und er ihr nicht nachgelaufen war.

Er sah, wie sie nach zwei Schritten stehen blieb, kurz zurück blickte und einen Herzschlag lang auf die schwarze Tür starrte. Fast erwartete er, sie würde ins Haus zurückgehen – vielleicht hatte sie etwas vergessen – da wand sie sich um, und ging, verließ sein Blickfeld. Unterdessen schien der Mann oben im Zimmer wieder ganz in seiner Rolle zu sein. Er gestikulierte wild und warf sich durch den Raum, auf den Boden. Dramatisch lag er da, schien zu weinen, zu schluchzen, zu leiden – jetzt warf er das Textbuch gegen den Spiegel. Fasziniert sah er zu.

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LichtspielSabrina Laue
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