Dinge, die singen

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Dinge, die singen

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“Daß unsere Stimmen verschallten, ist unsere Schuld, unsere größte Schuld.”
Ernst Toller: “Eine Jugend in Deutschland”
Prosa, Briefe, Dramen, Gedichte. Rowohlt 1961: S. 28.



Heute Morgen

Wo ist die Jugend? Sie ist ein Pappschild, auf das Planeten mit Acrylfarbe gemalt sind. Die Farbe läuft im leichten Nieselregen langsam runter und alle freuen sich, weil die Planeten auf den Pappschildern weinen und das sei schließlich der Grund für das Stehen und Gehen mit Pappschildern. Sie streicht sich eine nasse Strähne aus dem Gesicht, kleine Tropfen hängen ungesehen an ihren Wimpern. Das Pappschild steht am Rand des Pappschildwalds und sie versucht stolz auf ihre Anwesenheit zu sein, aber kann es irgendwie nicht, weil sie sich pathetisch fühlt.Auf einem Konzert für weinende Planeten und sie hat den Text nicht auswendig gelernt. Und sie fühlt sich nicht heldenhaft, sondern überprivilegiert, am Freitagvormittag im Nieselregen stehen zu können, ein Pappschild in der kalten Luft.

Letztes Jahrhundert

Ihm konnten sie sein Heldentum nicht nehmen, denn er war nie Held gewesen. Er war die Türklinke, die er aufmachte und hinter sich schloss, wie der Rest seiner Familie zuvor. Die Türklinke war aus Eisen, nicht glänzend, sondern matt und dunkelgrau. Sie hatte die ein oder andere Delle, die aussah, als wäre sie von Fingern hineingedrückt worden. Sie ruckelte leicht beim Hinunterdrücken und man hatte jedes Mal Angst, sie würde abfallen, was sie dann aber nicht tat. Sie hatte Hände schon oft kommen und gehen, ja sogar wachsen sehen, Kinderhände, jugendliche Hände, die hinter der Tür so leidenschaftlich sanft Klavier spielten, dass sich die Nachbarn um keine Uhrzeit je beschwerten. Aber er war die Türklinke aus Eisen, keine zarte Klaviertaste mit Pathos gespielt auf dem Weg zur kathartischen Wirkung der Kunst. Er war eine Türklinke, die wie viele andere in diesem Moment geschlossen wurde, ein wenig aufgeregt.
Er war ein Weizenhalm in einem Feld, und es schien die Sonne. Blendend, sogar so grell, dass der Weizen gelb leuchtete und nicht mehr golden. Kaltes Metall strich an ihm vorüber und berührte seine Haut wie ein Arzt, mit Präzision und Fremdheit, zu einem gewissen Zweck. Und irgendwo raschelte ein anderer Weizenhalm und er wusste, er würde ohne das Metall fallen. An ihm flog eine Kugel vorüber und traf den anderen Weizenhalm, sie durchdrang seine Haut und es spritzte rot hinaus, nicht gelb, wie man hätte erwarten können. Er konnte nicht so gut sehen, da waren noch das Feld dazwischen, aber wusste, er würde nicht mehr existieren, wäre der andere Weizenhalm nicht gefallen. Er war ein Weizenhalm in einem Feld, und es schien keine Sonne mehr.
Er war ein Katzenauge in einer Suppe, in einem Keller in Stalingrad. Als Katzen kaum noch Fleisch an den Knochen hatten, aßen die anderen die Augen auch. Das machte ihn blind. Blindheit war angenehm, dann musste man das Sterben, die Schusskerben und den fleckigen Schnee nicht mehr sehen. Er war ein Katzenauge gewesen, das durch die Ruinen geschlichen war und Gebrochene gesehen hatte, nicht wollte, aber irgendwie musste, denn in ihm war noch der Weizenhalm, welcher existieren wollte, finden wollte, während andere schon längst aufgegeben hatten und aus sich selbst das Rot hervorgeholt hatten. Er schwamm in einer Suppe, wie eine kleine Fettblase, einer Suppe mit noch anderen Katzenaugen, die nicht seine waren, im Schnee, in einem Keller voller Leichen, in Stalingrad.
Und er war ein Pinsel auf einer Leinwand, der die kathartische Wirkung der Kunst an russische Soldaten verkaufte.Für eine Suppe mit mehr als nur Katzenaugen, die ihn am Leben halten konnte. Er war ein Pinsel und malte Bärenfell in grünem Wald und ihm war kalt beim Malen hinter Gittern im Schnee.Es war wie Malen in einem gefrorenen See, aus dem man kaum die Welt sehen konnte, nur Bären im Wald. Die hielten den Pinsel, den Herzschlag, die öffneten eine Tür zu mehr Suppe. Und er dachte an die Puppe, die er seiner Schwester zu Weihnachten geschenkt hatte, vor Jahren, ein kleiner Soldat war es gewesen, sie sollte doch an ihn denken, wenn er fort war. Und er, ein kleiner verräterisch kathartischer Pinsel, wägte seinen Halter in Sicherheit, dass er Puppe und Schwester wiedersehen würde, in einem anderen Jetzt, einem anderen Er, weder Türklinke noch Halm noch Katzenauge noch Pinsel. Aber als was dann?
Er war fast dreißig und hatte graue Flecken auf seinem Kopf.
Er war müde.
Und so sehr man auch wissen wollte, was und warum er den Rest seines Lebens war, vier Paragrafen an Dingen, die heute noch von Erinnerungen mit ihm singen, waren alles was man jemals von ihm sah.

Heute Abend

Pappschildsein hat ihre Gehirnzellen zum Denken angestoßen, kleine Metallkugeln, die aneinander klatschen und in Bewegung bleiben. Sie hält das Pappschild immer noch hoch, das sich im Wald von Pappschildern fremd fühlt, fragt sich, welcher Revolution sie angehört, welche Worte sie in den Mund nehmen kann, welches Trauma das ihre ist und ob ihre Generation überhaupt eines hat. Ob sie auch schon mal Türklinke war, oder Weizenhalm sein könnte? Sie weiß, dass es nicht so ist. Ob sie nur Pappschild mit Acryl, im Regen bald ohne Acryl, ist. Ab wann man nicht nur Ding ist, sondern irgendwie mehr. Wo ist die Jugend, fragt sich das Pappschild und fährt die Rolltreppe mit hinunter.
Sie will nicht nur Pappschild sein.
Sie ist noch nicht müde.

Jetzt anhören: 

Dinge, die singenLara C. Wuester
00:00 / 04:59

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