Cui bono Vernunftliebe?

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Cui bono Vernunftliebe?

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Ein frischgeschlüpfter Morgen rückt der Endlichkeit auf die Pelle, ergießt seinen Eidotter über die steifgeschlagenen Häupter der Werktätigen, verklebt denen die Augendeckel. Und Kristof? Kristof sitzt in der Straßenbahn und die Straßenbahn fährt ihn ins Büro. Schön, der automatisierte Personennahverkehr.
„Hey, wenn das nicht mein persönlicher Goldjunge ist: der Mann mit der Schultertasche!“, hallt eine – Kristof vorsichtig vertraute – Stimme, quer über hartschalige Sitzreihen und matschfarbene Gesichter hinweg. Kristof, dessen Augen noch – aufgrund neugeborener Morgenstunden und deren glibberigem Eigelb – zusammenkleben, benötigt eine Hand voll Sekunden, um diesen Menschen, der ihm beschwingt durch den Mittelgang entgegenstakst, zuzuordnen. Dann gelingt es ihm zu erkennen. Es ist: Samira.
Kristof erklärt sich: „Ohne Schultertasche heute. Das Prädikat Goldjunge würde ich annehmen. Oder nenn mich einfach Kristof.“
Samira stellt sich nochmals – Redundanz ist die Mutter der Information – als Samira vor, schüttelt ihrem, in Gold gegossenen Jungen, entledigt seiner Schultertasche – jetzt auch: Kristof – kräftig die Hand; dessen eigene schlafft gen Boden, stranguliert vom Fünf-Finger-Würgegriff Samiras. Doch der lockert sich irgendwann. Löst sich: Jetzt. Kristof Körper entkräftet weiter. Gefällt sich in der Positur des Reglos-Sitzengebliebenen, füllt diese bravourös aus, derweil Samira ein Wort- und Silbengewitter über Kristof zusammenzieht.
„Aua! Mein Kopf“. Kristof jammert innerlich, schweigt äußerlich. Ist zu höflich, sich zu beschweren. Samiras Lippenflügel flattern – Kristofs Schmerzempfinden ungeachtet – in jener hochfrequenten Art, wie sie sozialen Schmetterlingen eigen ist. Ihr Zucken der Oberlippe: mehrstimmiges Morsezeichnen. Das Vibrieren der Unterlippe: ungebrochener Kommunikationswille.
Kristof eröffnet das Gespräch: „Was ist eigentlich mit ihrem Chef passiert? Sie wissen... der Sie als mokkasaufende Fatima – Igitt! – abgewatscht hat?“
„Meinen Chef haben die jetzt bei den Eiern. Wenn ihn die Gewerkschaft erstmal in der Mangel hat, machen die eine Tragetasche aus ihm. Eine wiederverwertbare dazu. Das nennt man Upcycling, oder?“ Samira legt eine Hand auf Kristofs Schulter, setzt sich beschwingt – beinahe eine Pirouette drehend – neben ihn.
„Finde ich schön, dass dein Chef mithilft, die Umweltverschmutzung einzudämmen. Wenn auch unfreiwillig.“, sagt Kristof zwischen spitzgezogenen Lippen, honoriert Samira Sieg im Kampf gegen ihren Chef mit kopfnickender Bekräftigung. Samiras French Nails harpunieren die Deckklappe Kristofs Leitz-Ordner, der aufgeklappt auf Kristofs Schoß liegt.
„Was liest du da?“, sagt Samira, die konspirativen Bratfischaugen gegen Kristofs Unterlagen gequetscht. Kristof streichelt über die Deckklappe, reibt die Handflächen gegeneinander, spricht dann salbungsvoll: „Das ist die Corporate Identity eines Auftraggebers.“
Samira leidet für Kristof, weil dieser es nicht kann, wenn er das Wort COR–PO–RA–TE I–DEN–TI–TY mit religiösem Kribbeln im Rückenmark ausspricht.
„Wollen mal sehen, wie weit seine Hingabe zum Firmen-Blabla reicht“, denkt sich Samira. Hinter einem Luxuslächeln versteckt sie ihre Spitzfindigkeit, und schält sich einen sprachkritischen Gedanken aus der Hirnschale. Raspelt den Gedanken zu Sätzen, streut diese in Kristofs Gehörgänge:
„Ich wusste nicht, dass du fließend Plastikdeutsch sprichst, Kristof? Und ich dachte, dir läge etwas an der Umwelt?“

„Was denn? Papierdeutsch? Was macht Papierdeutsch besser als Plastikdeutsch, Samira?“
„Zum einem: es ist umweltverträglicher. Zum anderen: Ich kaufe nichts aus Plastik. Auch nicht mit den Ohren.“
Eingeklemmt zwischen Umweltbewusstsein und Sprachkritik, klettert Kristof zurück ans Tageslicht. An der Oberfläche angekommen, führt Kristof die Fingerspitzen ans kommunikative Mottenloch, welches da frech in der Luft rumhängst, einfach so. Freifliegende Mottenlöcher. Man hört immer öfter davon.
„Ach, lassen wir das... was ist denn nun mit Vorgesetzten und deren Klöten? Wie haben Sie und die Gewerkschaft das gewuppt?“
„Oh, war nicht viel zu wuppen. Gute, alte Erpressung. Hat sich von einer Minderjährigen einen blasen lassen.“, sagt Samira mit keckem Augenaufschlag.
Kristof abgebrüht: „Ja, ich denke, es gehört zum Best Practice in Macherkreisen, sexuelle Gefälligkeiten von Schutzbedürftigen entgegenzunehmen.“ Kristof schmatzt angeekelt, ein Geschmack nach plattgedrücktem Hering zerklüftet ihm den Rachenraum. Rudert rüber zu netteren Themen: „Haben Sie eigentlich einen... einen Lebenspartner, Samira?“
„Ach, immer mal wieder, Kristof. Immer mal wieder.“ Sie klatscht melancholische Blicke gegen die Fensterscheibe der Straßenbahn. „Was ist mit Ihnen, Kristof?“
„Hm, nun, ich habe das, was ich eine Nutzwertfreundin nenne. Eine Nutzwertfreundin, eingebettet in von einer – pardon: von meiner – Vernunftliebe. Ja, ja, ich weiß: das hört sich jetzt zynischer und menschenverachtender, als es wirklich ist. Tja, es ist einfach so, meine aktuelle Freundin, sie... sie ist eine Nutzwertfreundin, weil..., weil die Herzensfreundin nicht verfügbar ist. Aber bitte Samira – schimpfen Sie mich nicht, ich bitte Sie: ich versuche mir darüber klarzuwerden, warum ich das tue -, aber das ist nicht einfach. Für mich.“
Mit Nutzwertfreundin assoziiert Samira ein anderes Wort, jenes gleichermaßen der Nützlichkeit sich widmet, nämlich: Nutztier. Schießt Kristof seiner Freundin – metaphorisch gesprochen – den Nasenring einer Milchkuh durchs Septum, um sie an die Stallung seiner Vernunftliebe zu ketten? Am Gegensatzpaar Amüsement und Besorgnis trainiert Samira ihre Ambiguitätstoleranz. Tja, so bipolar zwischen diesen diametralen Polen oszillierend, fingert Samira bald – die Toleranz zerspringt ihr im Hinterkopf – am kommunikativen Mottenloch („Huch! Was hängt denn da in der Luft ab?“). Mit Fingerspitzengefühl ertastet Samira Risse entlang des Lochs. Erschrocken rückt Samira ab, lässt das Mottenloch Mottenloch sein.
„Die Freundin als Nutzwertfreundin zu bezeichnen, erscheint mir – gewöhnungsbedürftig?“, tadelt Samira sachte, behält ihr fachfrauliches Schmunzeln bei. Um eine Schippe Scham schwerer, senkt Kristof den Kopf, kippt seinen Blick betreten zwischen die Gumminoppen des Straßenbahnbodens, lässt ein bisschen Selbstwertgefühl herniedertropfen.
„Was passiert nun eigentlich mit ihrem Chef, wo Sie ihn doch jetzt bei den Eiern haben?“
„Oh, der wird hingerichtet. Nur die Hinrichtungsart, die steht noch nicht fest. Wollen Sie beiwohnen? Ich überreiche Ihnen somit offiziell: eine Einladung zur Enthauptung.“
Zuerst köchelt sie, dann schwappt Kristofs Augenmilch über, kippt hinab in die wilde Zärtlichkeit Samiras Pupillen, in ihre Haifischaugen. Die konspirativen Bratfischaugen von vorhin, gegen den Leitz-Ordner geklatscht, mussten aufgeplatzt sein – oder geworfen: durch ein Mottenloch? Jedenfalls jetzt tot. Wodurch? Durch Giftspritze? Durch Streckbank? Oder Kopfschuss? Der güldene Dreiklang der Hinrichtungsarten. Welche soll es sein?
Kristof inspiziert Samiras Gesichtsarchitektur nach verräterischen Dachschrägen, nach einer hervorstehenden Querstrebe, einem zerbröselten Schornstein, kann aber nichts finden, was einen Scherz nahelegt. Im Gegenteil: Samiras Mimik verhärtet zu Granit. Aber schließlich: Nach einer dramatischen Pause von drei Sekunden – ein Mississippi, zwei Mississippi, drei Mississippi – prustet Samira unvermittelt los, dass Glasscheiben der Straßenbahn Tango tanzen.
Mit schwesterlicher Nachsicht klopft Samira Kristof auf die Schulter, wischt sich Tränen aus den Augenwinkeln. „Ach du, natürlich wird niemand hingerichtet. Niemals wird der Chef, diese schwitzende Schweineschwarte, an die Schlachtbank geführt. Leider nicht.“ Kristof fühlt sich wie der Idiot, als der er sich leiderdings präsentiert hatte.
Wenige Haltestellen und Kommunikationsblockaden später, muss Samira aussteigen. „Unterstelle deiner Freundin bitte keinen Nutzwert, Kristof. Das ist menschenunwürdig! Wenn wir uns das nächste Mal in der Straßenbahn treffen – gewohnt zufällig –, dann hast du deine Partnerin in ein Wort aus Papierdeutsch – aus wiederverwertbarem! – eingewickelt, ja? An der Nutzwertfreundin erstickt deine Beziehung... an dieser Plastikvokabel.“
Kristof grinst einsichtig: „Und lassen Sie die da oben die mokkasaufende Fatima schmecken, okay?“
Die Straßenbahn erbricht Fahrgäste auf den Asphalt, darunter Samira. Hoch über den niedergesunkenen Häuptern der Werktätigen, streichelt der Abglanz Samiras Schönheit über Hutdeckel, Haarersätze und Dreiviertelglatzen der Gebeutelten. Und zwischen Schuhsohlen und Asphalt zieht der Eidotter sämige Fäden. Es schmatzt phonstark, doch dem gemeinen Arbeitnehmer entgeht der zerronnene Morgen unterm Schuhwerk. Zu laut die Sorgen in seiner Hirnschale, in seinem Kopf. Und Kristof? Der klappt seinen Sprachschatz auf, legt dorthin, wo zuvor das Wörtchen Nutzwertfreundin eingehakt war, das funkelnde Glückswertfreundin. Beneidenswert, wer es versteht, seinen Sprachschatz auszumisten – und aufzustocken.

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Cui bono Vernunftliebe?Patrick Poti
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