Asphaltkrümel

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Asphaltkrümel

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Ich hebe den Kopf

Die vertrauten Asphaltstraßen breiten sich aus

Autoscheinwerfer werden meine Sterne.

Wenn die umgedrehten Laternen erlöschen,
Verharren die hilflosen Hände regungslos
Die Gesichter haben sich eins nach dem anderen umgestülpt
Die Menschen stehen auf dem Kopf.


aus „Umgekehrt“, in Brache von Dilek Mayatürk



Manche warten auf den Bus, manche auf ihre Kinder, andere auf das Abendessen. Seit kurzem warten wir auf einen Virus, weil die Kinder nicht mehr kommen und wir auch nicht mehr an der Bushaltestelle sitzen, um auf einen Bus zu warten. Das dürfen wir nicht mehr. Es bleiben die, die auf das Abendessen warten. Die, die sich mit dem Rollator in der Hand schon um sechszehn Uhr aufmachen, um Richtung Speisesaal zu rollen, um dann mit den Rollen zum Stehen in der Schlange aus Leuten zu kommen, die auf das Abendessen warten. Sie erzeugten ein dauerhaftes Rauschen mit ihren schlurfenden Füßen.

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Zwischen der weißen Farbe des Autobahnrandstreifens und der Bande ist noch ein bisschen Asphalt. Manchmal ist da keine Bande. Und manchmal nur ein kleiner Streifen, zu klein, um Seitenstreifen genannt zu werden. Ein guter Ort, um zu sterben.

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Die Sonne hängt müde und orange über dem Horizont, aus dem immer wieder Autos schießen. Ihre Scheinwerfer streichen mich, gestehen mir einige Sekunden Rampenlicht zu, um dann wieder in die Vergessenheit zu fahren, mit ungefähr 130 km/h, je nach Einschätzung des Fahrenden mal schneller oder langsamer. Kurz vor Baden, Baden-Württemberg war ich gestern noch baden, baden im Rhein, da bin ich einfach rein gesprungen. Und dann ist da die Autobahn, die über den Fluss geht, aber davor ist sie französisch und französisch hat etwas Episches, Romantisches an sich, daher liege ich hier, in Frankreich, auf dem Asphalt. Und nicht ein paar Meter weiter, auf deutschem Asphalt. Das hätte ich auch machen können. Aber Französisch hat etwas, das finden Leute sexy. Wenn Sterben sexy ist, ist es das in Frankreich, mit einem letzten nasalen Diphthong auf den Lippen.

Oder vielleicht ist es auch ganz egal. Vielleicht hätte ich auch mit einem deutschen Umlaut auf demselben Asphalt ein paar Meter weiter sterben können. Aber einen Unterschied machte es ja doch, diese schmale schwarze Linie, wie ein Tattoo, das man sich macht, wenn man filigran Stückchen seiner Haut von Stückchen anderer Haut abtrennt und es irgendwie ein Muster mit Bedeutung ergibt. Die Linie trennt Diphthong von Umlaut und dann irgendwie doch nicht, weil das Tattoo, das das Elsass darstellt, so oft beides kann.

Es scheint auch nicht akzeptabel zu sein, entscheiden zu wollen, wo und wann man stirbt, das war mir immer schon bewusst gewesen, in meinem Bewusstsein ganz unten, vielleicht auch unterbewusst, als ich den Zettel unterschrieb, mit meiner Unterschrift unter dem Text, der sagte: Du stirbst hier, mit Anderen, entweder in diesem Raum, wo es Essen gibt, im Garten, wo es Zäune gibt, oder in diesem Bett mit weißer Bettwäsche, die Geruch neutralisieren kann, falls du pinkeln muss, während du stirbst. Ich habe auch unterschrieben, mit welchen Menschen ich sterben muss, die kroatischen Pflegerinnen und die deutsche Alltagsbegleiterinnen, die sich auch nicht so gut verstehen, vor Allem wegen einer schwarzen Linie, die man nicht einfach so überqueren kann, ohne Deutschkurs. Ich habe also unterschrieben, auf welcher Sprache ich mich unterhalten müsste, um sprechend zu sterben, dabei ist die Sprache mir ganz egal, ich möchte schweigend sterben, denke ich, weil man wird schweigend geboren und schreit dann, warum nicht still sterben?

Und danach habe ich auch unterschrieben, mein Sohn hatte mir das erklärt, der Stein hier, auf der Erde dort, beim dritten Baum links und dann rechts und es würde schön werden und ich würde einen Blick über den Fluss haben. Und ich war verwirrt, wie sollte ich sehen, wenn ich doch erst in und dann unter etwas liegen würde zum Sterben? Ich würde nichts mehr sehen dort, und wusste nicht warum, aber ich unterschrieb, setzte meine Unterschrift auch unter diesen Text.
Schließlich wollen meine Kinder etwas sehen, einen Stein, meinen Namen, dabei ist mein Name so unwichtig, aber ein atemloses, namenloses Grab, das sei etwas für Soldaten, deren Namen man nicht wusste im Krieg, das wusste ich noch von früher, mein Bruder war vermutlich so begraben worden. Aber als ich unterschrieb und dann saß, in den Räumen, in denen ich sterben konnte, wann ich wollte, nur nicht wo und wie, da wusste ich irgendwie wieder, dass ich dazwischen war, auf der schmalen schwarzen Linie zwischen dem einen Stück Haut, lebend und dem anderen, tot, weil meine Haut war nicht mehr rosig, aber auch nicht kalt, sondern faltig. Bergig, wie die Bergchen auf der Linie zwischen Spanien und Frankreich, eine so schöne Linie, viel mächtiger als diese, auf der ich, nein hinter der ich jetzt liege.
Vor ein paar Wochen habe ich mir noch den Streifen am Brenner angeschaut und mich gefragt, ob hier wohl ein guter Ort wäre, um zu sterben. Aber in den Bergen war jeder so abgelenkt von allem drum herum, vom Geld, weil da muss man für den Asphalt zahlen und das mochte ich nicht.

Ich will lieber einen Asphalt, der zumindest dort, an dieser Stelle nach dem Rhein in Baden, wo ich baden war im Rhein, kostenlos ist. Nicht umsonst, nein. So viele Umlaute fahren zu Diphthongen und andersherum, hier merkt man die schwarze Linie nicht, schaut man nicht auf eine Karte.

Weise Menschen sagen, man versteht den Tod nicht, wenn man das Leben nicht versteht. Aber ich habe das Leben doch verstanden. Ich war hier und dort und überall. Ich habe doch verstanden. Deswegen liege ich jetzt hier. Auf dem Asphalt. Ein kleiner Gott, der nach einer Niederlage zugegeben hat, keiner zu sein, wie der japanische Herrscher irgendwann letztes Jahrhundert. Der hatte sein Leben verstanden, an dem Punkt, und sein Tod machte dann auch Sinn. Hätte er nicht, wenn er ein Gott gewesen wäre. Götter können nicht sterben.
Dabei ist zwischen Göttern und Menschen ein weißer Streifen Farbe und links ist Asphalt und rechts auch. Da ist eine Linie, sagt die Karte, und die sagen Bonjour, nicht Hallo, nicht Guten Tag, nicht Servus und irgendwie ist das exotisch dafür über den Rhein zu fahren. Und Götter ziehen auch Linien. Zwischen Himmel und Erde, zwischen richtig und falsch, zwischen diesem und jenem und was machen Menschen, außer genau das? Götter sind also Menschen, ernüchternd.
Der Asphalt ist ein wenig krümelig und eher das hellgrau einer Taube, als das dunkelgrau von Haaren einer mittelalten Büroangestellten. Aber das mag ich, weil das hellgrau von der müden Sonne kommt. Ich wünschte, ich wäre ein Fisch und ein Auge würde nur Asphalt sehen und das andere nur Himmel. Dann wäre ich die Linie.

Aber dann könnte ich nicht mehr den Autos zuschauen. Und da ist diese wunderschöne Momentaufnahme von Zeit. Jedes Auto hat seine eigene kleine Zeit, seine eigene kleine Welt auf den Sitzen. Beim Reden vergeht sie schneller, als beim auf die Karte starren und warten, dass Minuten vergehen. Und irgendwie ist es einsam, dass die Autos alle fahren und nicht miteinander reden, und gleichzeitig ist zwischen ihnen Wind und Asphalt, und gestrichelte Linien und vielleicht auch ein Diphthong und mehr als ein Bonjour, und das versteht man vielleicht nicht. Die Pflegerinnen und Alltagbegleiterinnen sind auch Autos die mit zu viel Wind dazwischen auf derselben Straße fahren, und wir irgendwie auch alle, fahren und warten und fahren, ohne miteinander zu reden, warten auf Sterben in einer eigenen kleinen Momentaufnahme, die man aufnehmen kann, mit einem Fotoapparat und denken könnte, wir würden zusammen fahren und warten. Dabei tun wir das ganz allein. Eine filigrane schwarze Linie.

Ich hätte es auch spannend gefunden, wäre ich eine Mücke gewesen und auf den Dachträgern eines Autos mit dem Wind im Gesicht gestorben. Ich würde annehmen, dass der Aufprall vom gegen die Dachträger klatschen mich nicht sofort töten würde und ich noch einige Zeit die Geschwindigkeit genießen könnte und rechts und links gucken könnte, und das Auto unter mir vibrieren fühlen würde und vielleicht ein wenig mit den anderen quatschen. Aber was gibt es zu quatschen, wenn man eigentlich sterben will?

Ein Auto brummt vorbei und ich sehe Simba auf einem Stoff mit Saugnäpfen, der in dem hinteren Fenster klebt, er solle wohl die müde Sonne aus dem Auto halten. Disney sagt, ich muss Löwenprinz werden, dabei bin ich kein Löwe und auch kein Prinz. Ich habe nie verstanden, was ich jetzt bin. Ob ich Antilope, Grashalm oder etwas ganz anderes bin. Asphalt bleibt noch ein wenig warm, wenn die wache Sonne zuvor drauf geschienen hat. Ist überfahren werden wie zu Erde werden und dann wächst daraus ein Baum? Oder habe ich den einsamen Weg des Individualismus gesucht, mit den anderen, die auf dem Streifen liegen und Reifen anschauen. Oder nicht mehr Anschauen, weil sie schon tot sind. Bin ich angekommen, weil ich auf französischem Asphalt sterben möchte und nicht auf weißem Leinen in Baden-Baden?

Es ist ein bisschen wie meine Tochter beim Seelenklempner, die sich da schlecht fühlt, weil sie eigentlich keine Probleme hat, aber mit ihm welche suchen will, um über welche zu reden und feststellt, sie hat einige mehr als sie dachte. Und ich habe auch keine, schließlich habe ich das Geld, oder mein Mann hatte das Geld, um mir einen Platz zum Sterben mit Würde, würdevolles Sterben, zu ermöglichen und zu zahlen mit Geld für drei Räume und einen Garten. Und kein Verwesen, einsam in einer Wohnung irgendwo im Nirgendwo, sondern für 3500 Euro minus Pflegegradzuschuss in vorgesehenen Hallen sterben und nicht Mal allein, sondern mit dem Piepen der Maschine meiner Nachbarin nebenan.

Und ich frage mich, ob es stimmt, dass ich die Welt nicht mehr verstehe und meine Kinder nicht auf mich hören sollten oder ob wir doch alle zusammen in einem Haus leben sollten und uns eigene Räume schaffen, zum Sterben. Aber vielleicht wäre ich dann auch auf die Straße gegangen, zu den Igeln und Rehen und Autos.

Denn die Sonne ist hier, aber es wäre einfacher gewesen, ich hätte nicht schleichen müssen, um rauszukommen und in Baden-Baden baden zu gehen.

Ich kichere ein wenig und es sieht vielleicht aus, wie als würde ich zucken. 

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Scheinwerfer beleuchten einen toten Igel an der Seite der Autobahn.

"Igel!" rufen die Kinder unisono auf dem Rücksitz. Das Konzept des Sterbens ist noch zu weit weg, um es zu verstehen. Der Vater starrt auf das Baguette, das er gerade noch gekauft hat. Das sei schließlich besser drüben als daheim, sagt man bei ihnen im Dorf. Die Mutter starrt auf den Handybildschirm, hier geradeaus für 100 Kilometer. Aber irgendwohin muss man schließlich gucken und draußen ist nichts außer Straße und Autos. Der Tempomat nimmt ihr sogar das Kontrollieren der Geschwindigkeit ab und irgendwie damit auch Verantwortung.

"Wir fahren gleich über die Grenze", sagt die Mutter nicht besonders enthusiastisch. Es ist weder für sie noch für ihren Ehemann eine große Sache nach Frankreich zu fahren, sie wohnen nicht weit von der Grenze. Und wie man es eben macht, wenn man nicht weit weg von einer Grenze wohnt, fährt man oft über sie drüber. Meist ist es beim ersten Tanken, dass es ihnen auffällt, dass sie wieder dort sind, wo man sein Schulfranzösisch auspacken muss, weil die Gelder anscheinend immer noch nicht für guten Englischunterricht ausreichen. Aber der Selbsttankautomat kann inzwischen auch Deutsch.

"Wo, wo?"

"Sieht man nicht, ist da, wo der Fluss ist", sagt der Vater und schaut kurz zu den Kindern, die mit der Nase an der Fensterscheibe kleben. Seit den Kindern können sie nicht mehr irgendwann über die Grenze fahren, es hängt an Ferien, wann der Mikrokosmos Familie länger zum Baguette ins Elsass fährt. Der Bäcker im deutschen Dorf hat auch gutes Baguette. Aber die Familie isst gerne Baguette in Frankreich.

"Mensch!"
"Was?"
"Da war ein Mensch auf dem Boden", sagt die Tochter.

"Annemarie halt an, die Kinder haben Recht!"

Die Mutter fährt 120 km/h und bremst jetzt auf null auf dem Seitenstreifen. Dann fährt sie mit minus zehn rückwärts und bleibt wieder stehen.

Auf dem Asphalt liegt eine alte Frau im Nachthemd, an dem Algen getrocknet sind, als wäre sie früher am Tag baden gewesen und hätte sich zum Trocknen an die Autobahn gelegt. Man ist sich nicht einig, ob man aussteigen soll, oder gleich die Polizei, den Krankenwagen, die Feuerwehr rufen soll. Ob man den Kindern die Augen zuhalten soll. Der Vater steigt aus und schaut sich die Frau an. Er entscheidet, sie ist noch nicht tot, aber so gut wie. Er weiß nicht, ob sie in diesem Stadium noch seiner Hilfe bedürfe, also tut er lieber nichts. Sie sieht aus, als würde sie in der stabilen Seitenlage liegen, denkt er, unsicher, wie diese genau aussieht.

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Fast geschafft, fast geschafft, nur noch ein paar Meter, aber der Wagen fährt schneller und ist über der Linie und ist bei den Umlauten, als der Körper, der zwischen ist und irgendwie nirgendwo, aufgibt und der Tod, wie so oft, entscheidet, doch unter den pflegenden Händen von Menschen zu passieren und nicht zwischen Krümeln und Autos und einer mittlerweile schlafenden Sonne, zwischen der D4 in Frankreich und der A5 in Deutschland. Willkürlich.

Jetzt anhören: 

AsphaltkrümelLara C. Wuester
00:00 / 01:04

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