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Weiche, warme Tiere

Slata Roschals neuer Gedichtband Wir tauschen Ansichten und Ängste wie weiche warme Tiere aus (Hochroth 2021) behandelt Themen, die im Angesicht der Ukraine-Krise vielen Menschen in Deutschland plötzlich klarer und näher als zuvor vor Augen sind: Tod, Flucht, Einbürgerung, Einsamkeit, Machtlosigkeit in Kombination mit der gelangweilten Schwere des Alltags, den bedrückenden vier Wänden und kristallklaren schmerzhaften Beobachtungen kleiner Details des Lebens.


Die Waage kippt Osiris lacht ein Koffer fällt

Die Wintersonne brennt mir alle Augen aus

Hier gibt es wohlgeformte Zäune

Wir trotzen jeglicher Gefahr

(S. 29)


Wir tendieren dazu, zu vergessen was wir nicht sehen, und plötzlich rücken Zäune näher und die Menschen, die dahinter stehen und sie zu umgehen zu versuchen auch. Balkanroute, Geflüchtete, Spendenaufrufe, Krieg wohin zu wem, welches Leid – wo?


Hoffentlich bleiben wir kartographische Flecken

Wunderliche Gestalten an den Rändern der Welt

Dann übersieht uns der Tod

(S. 27)


Was, wenn wir plötzlich nicht mehr übersehen können und uns der Tod nicht mehr übersieht und näher rückt, uns Angst und Enge und Bedrohung in die Wohnung fließt? "Ich überlege, wie viel Macht die Hände und Finger des Gegenübers hinter Glas vertragen können" (S. 26), schreibt sie über die Botschaft in Berlin und diese Worte scheinen heute mehr zu wiegen als noch vor ein paar Wochen. Wie viel Macht können Hände vertragen oder sollten sie haben?

Slatas Gedichten, definiert durch assoziative Sprünge, kann man manchmal folgen, manchmal nicht – wie in einem Gespräch mit einer Person, die anders denkt als man selbst. Manche Sprünge sprechen mehr zu mir als andere – aber ihre sensiblen Beobachtungen gemischt mit der Schwere der Themen erzeugen ein faszinierendes Leseerlebnis und lassen mich darüber nachdenken, was es heißt, sein Innerstes zu offenbaren, auszutauschen, wie weiche, warme Tiere – verletzlich zu sein und roh.

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