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Interview mit Künstlerin Ellinor Amini

Aktualisiert: 5. Apr. 2022


COLLECTIVE INTERVIEW

In dieser Interviewreihe werfen wir einen Blick hinter die Fassade der vorgestellten Kunstwerke und betrachten vor allem die Menschen und Gedanken dahinter. Gesichter zu Werken. Geschichten zu Konzepten. Wir stellen euch die Künstler:innen unseres Kollektivs vor.


Heute mit Künstlerin und Designerin Ellinor Amini

- Ein Interview von Lucie Vollath


Ellinor mit ihren Kunstwerken. Fotograf: Lukas Mehl.


In Ellinors Projekten bilden Visuelles und Textuelles, Kreatives und Gesellschaftliches, Kunst und Aktivismus ein Nebeneinander, ein Miteinander. Das Ergebnis: ,,Energie, die man sehen kann".



Ellinor, ...


Was bedeutet Kunst für dich?

Kunst ist Energie, die man sehen kann.



Wie bist du zur Kunst gekommen?

Mein Zugang zur Bildenden Kunst kam durch die Musik. Seit ich mich erinnern kann, wollte ich Opernsängerin werden. Aber dann merkte ich, dass ich mich in der Bildenden Kunst besser ausdrücken kann, sie ist mein ultimatives Ventil. Ich liebe es, meine Erfahrungen und Eindrücke meiner Umwelt zu visualisieren und haptisch erlebbar zu machen. Durch meine Kunst können die Betrachtenden einen Augenblick lang durch meine Augen auf die Welt schauen.



Was ist deine Vision – als Mensch und als Künstler:in?

Meine Vision ist es durch meine Kunst Geschichten visuell zu erzählen und meine Gedanken, Ideen und Wünsche mit den Menschen zu teilen. Ich bin schon von klein auf unglaublich neugierig, möchte Dinge wissen und die Welt erkunden. Kunst hat für mich nicht nur eine ästhetische, sondern auch immer eine kommunikative Funktion. Ein Kunstwerk steht immer im Dialog mit den Betrachtenden und jeder und jede nimmt daraus auch immer etwas mit. Es ist meine Vision, mehr solche Dialoge zwischen Kunstwerk und Betrachtenden zu kreieren und Menschen zu inspirieren.


Wie hast du dich für die Art von Kunst entschieden, die du machst? Wie hast du die richtige Ausdrucksform für dich gefunden?

Dazu möchte ich Meret Oppenheim zitieren: „Jeder Einfall wird geboren mit seiner Form. Ich realisiere die Ideen, wie sie mir in den Kopf kommen. Man weiß nicht, woher die Einfälle einfallen; sie bringen ihre Form mit sich, so wie Athene behelmt und gepanzert dem Haupt Zeus entsprungen ist, kommen die Ideen mit ihrem Kleid.“



Welche Reaktionen erhoffst du dir von den Betrachter:innen/ Leser:innen deiner Werke? Auf welche Reaktionen stößt du?

Ich erhoffe mir keine bestimmte Reaktion, denn jeder Mensch schaut aus einer anderen Vergangenheit auf ein gegenwärtiges Bild. Aber es ist wunderbar wenn ich spüre, dass meine Intentionen die Betrachtenden erreichen, wenn mir Betrachter:innen sagen, welche Impulse sie aus meinen Werken mitnehmen und ihre Erfahrungen und Geschichten mit mir teilen. Wenn ich z.B. an den HIDDEN SHEROES im öffentlichen Raum arbeite, kommen immer Passant:innen vorbei und wollen mehr über das Thema wissen und es entwickeln sich immer spannende Gespräche.



Was macht deine Kunst aus?

Gibt es ein Thema/Motiv, das sich durch all deine Werke zieht?

Was trennt sie, was verbindet sie?

Ich glaube, was alle Werke gemeinsam haben ist die Visualisierung eines abstrakten Themas, das mir wichtig ist. Wie zum Beispiel bei meinem Kunstprojekt HIDDEN SHEROES. Es hat mir als heranwachsende Frau immer an weiblichen Vorbildern in den Schulbüchern gefehlt. In den Geschichtsbüchern wird fast ausschließlich über männliche Heldentaten berichtet und noch immer sind nur knapp 17 % aller Biografien auf Wikipedia über Frauen! Als Jugendliche hat mir meine Mutter immer die Biografien spannender Frauen der Geschichte geben und mir damit gezeigt, dass eine Frau alles werden und alles erreichen kann, was sie will. In der Schule wurde mir das nicht vermittelt, doch genau dort sollte die Gleichberechtigung der Geschlechter beginnen, denn diese Zeit ist sehr prägend für Kinder und Jugendliche. In meiner Masterarbeit habe ich über die (Selbst-) Unsichtbarmachung von Frauen in der Geschichte geschrieben und wollte auch einen aktiven Beitrag leisten, wieder mehr Frauen sichtbar zu machen. Deshalb setzte ich dieses Thema nun im öffentlichen und musealen Raum um und hoffe, dass diese Geschichten und Bilder andere inspirieren können. Ein fehlendes Y-Chromosom kann eine Frau nicht davon abhalten die Welt zu umsegeln, den Nobelpreis zu gewinnen oder ein Land zu regieren!



Wo findest du Inspiration?

Inspiration ist für mich überall. Denn alles ist relevant und kann zu einem Kunstwerk werden. Am meisten liebe ich aber Dinge, die andere Menschen wegwerfen. Ich bin der Meinung, alles kann ein Kunstwerk werden: ein abgebrochener Autospiegel, alte, kitschige Kunstblumen, alte PET-Flaschen, … alles ist relevant oder kann relevant sein, wenn man es mit Phantasie betrachtet.



Wie und womit beginnt ein kreativer Schaffensprozess bei dir? Was ist der erste Impuls?

Wie schon gesagt, alles kann relevant sein, ein Nachrichtenbeitrag, ein Geräusch in der Nacht oder ein Stein am Wegesrand. Alle diese Dinge habe ich künstlerisch umgesetzt, sie kamen einfach zu mir. Zuerst fesselt mich der Gedanke und ich lese, höre, sehe mehr darüber und versuche einzutauchen. Und in diesem Prozess bildet sich dann in meinem Kopf die Form der Idee oder das „Kleid“ wie Meret Oppenheim es so poetisch sagte. Dieser Prozess kann Tage bis Monate dauern. Und so nimmt alles in meinem Kopf immer mehr seine Form an, bis ich spüre, dass es fertig ist. Dann beginnt die physische Arbeit am Werk selbst und ich visualisiere das Bild aus meinem Kopf Schritt für Schritt und bringe es in die Realität.

Zum Beispiel hat meine Mutter bei einem Ausflug für mich ein Buch aus einer öffentlichen Tauschbibliothek gezogen, „Die seltsamsten Orte der Welt“ von Alastair Bonnett. Darin gibt es ein Kapitel über Landesgrenzen auf der Welt, die bis zum heutigen Tag nicht fest definiert sind. Ich wusste bis dato nicht, dass man sich über die Grenze zwischen Ägypten und dem Sudan nicht einigen kann, genauso wie bei vielen anderen Grenzen weltweit! Ich bin immer weiter in das Thema eingetaucht und arbeite gerade an einem Triptychon dazu, bei dem ich die verschiedenen Grenzlinien auf einem selbstgenähten Flickenteppich male, den ich zuvor mit Henna, Tee und Kaffee wüstenfarben eingefärbt habe.



Wie bleibt man neben so vielen anderen Kunstschaffenden authentisch?

Authentizität bedeutet für mich bei sich selbst zu bleiben. Ich versuche immer im Austausch mit meinen Gefühlen und Emotionen zu stehen. Zusätzlich bleibe ich jeden Tag neugierig und probiere alles aus. Es gibt immer und überall Interessantes und Neues zu entdecken und zu lernen, das macht unser Leben doch so spannend!


Einige von Ellinors Kunstwerken könnt ihr bereits auf unserer Website finden:

Die Fotografie- und Collagenreihe ,,Du steckst nicht in meiner Haut", begleitet von zwei Interviews mit den Darstellerinnen, ihr plastisches Projekt ,,Strandgut", sowie ihr Acryl auf Fließen ,,girls on tiles".



Vielen Dank für deine inspirierenden Antworten und Einblicke!

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