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Eine Frau geht einen trinken. Alleine.




Reclaim the night – so ist die Devise des “verdächtigen Hefts” (Ausgabe 11) aus dem Maro Verlag. Verfasst von Lou Zucker, malerisch gestützt von Josephin Ritschel.


Lou Zucker schreibt im Essayformat über das Alleine-Ausgehen von Frauen, über Stigmatisierung von Frauen, darüber woher gewisse Rollenbilder kommen (Stichwort: Hexe und Hure) und wohin diese führen. Diese Narrative, die u.a. vom Kapitalismus gefördert werden, werden von der Gesellschaft an sich reproduziert und ausgelebt.


Eine Frau hinterfragt sich in dem öffentlichen Raum, z.B. einer Bar. Sie sorgt sich darum, wie ihre Handlungen ankommen. Wirkt sie so, als wäre sie auf der Suche, als könne sie nicht alleine sein, als würde sie sich, weil sie sich direkt an den Tresen setzt, bestimmt gekleidet ist, sich an jemanden ranmachen? Das konnte ich als Leserin nachempfinden.


Die Betretung des öffentlichen Raumes, der traditionellerweise als “männlicher” Raum beansprucht wird, hat für die Frau aber nicht nur Konsequenzen, wie die Hinterfragung ihrer selbst, sondern birgt ebenso auch Gefahren, wie körperliche oder psychische Übergriffigkeiten. Die Krönung dessen ist das “victim blaming”, bei dem die Frau selbst daran zweifelt, ob sie nicht schuld an der Übergriffigkeit ist, weil sie vielleicht gelächelt hat, “zu” freundlich oder “zu” sexy gekleidet war.


Lou Zucker vermischt in dem Essay persönliche Erfahrung mit fundierten Quellen und historischen Ereignissen. Ebenso hat sie sich mit weiteren Frauen unterhalten und lässt deren Erlebnisse miteinfließen. So bildet der Text, durchzogen von dem eigenen Barbesuch, Clubbesuchen o.ä., eine klare Struktur und roten Faden, der sich leicht erkennen lässt.

Die Unterstützung von wissenschaftlicher Literatur gibt dem Text eine argumentative und überzeugende Haltung.

Zugleich liest es sich keinesfalls trocken. Es ist wissenschaftlich-populär geschrieben: man versteht die Situationen, man lernt mehr, beginnt selbst zu hinterfragen. Hinzugefügt werden muss auch: Der Text ist keineswegs eine aggressive Kampfansage.


Gestalterisch präsentiert sich das “verdächtige Heft” in einer schönen Fadenbindung und tollem Schutzumschlag. Mit dabei sind ein kleines Poster und ein Lesezeichen – alles in knalligen, auffallenden Farben. Der Illustrationsstil trifft dabei nicht unbedingt meinen persönlichen Geschmack, trotzdem merkt man die Liebe, mit der das Heftchen hergestellt und designed wurde.


Sachlich, fundiert, unterhaltsam und vor allem wichtig sind Worte, mit denen ich die Ausgabe definieren würde. Es kann sich nur etwas ändern, wenn wir bestehende Strukturen erkennen, untersuchen, bestehende Narrative nicht gedankenlos reproduzieren.

Danke an den Verlag für das Rezensionsexemplar.



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