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To-Do: Nachruf verfassen

von Silvia Klein. Ein Nachruf der besonderen Art, der mich an eine Zeile aus Pessoas ‚Das Buch der Unruhe‘ denken lässt: „Meine Seele ist ein verborgenes Orchester“. Eine Sinfonie aus verschiedenen Instrumenten, Anteilen unseres Selbst. Ist es das ‚innere Kind‘, das hier zwischen Du, Ich und Wir resümiert?


Schreibinspiration für Kreative und nachdenklich gewordene:

Welche Worte würden verschiedene Anteile deiner Selbst heute füreinander finden?


Sie war ein unglaublicher Mensch.

Sie war gewaltig.

Sie war alles, was ich je hatte sein wollen.

Sie war ich.

Sie war nie echt gewesen.


Vielleicht hatte ich dich nie gekannt, so richtig. Auch wenn ich mir dessen immer

so sicher gewesen war. Letztendlich hatte ich nur das gewusst, was du mit mir

geteilt hast. Wie viel mehr wäre da noch gewesen?


Ich traf sie in einem Klassenzimmer. Niemand hatte sich neben mich gesetzt und

sie kam zu spät zur ersten Stunde. Der einzig freie Platz war neben mir.


Mit deinem Körper hast du dich nie richtig angefreundet. Du hast ihn immer

bedeckt gehalten, außer vor mir. Wir zogen uns voreinander um und tauschten

unsere Kleidung. Das, was der Anderen gehörte, war immer spannender. Wir

lagen zusammen in der Badewanne, deine Füße streiften meine nackten Beine.

Wir sprachen darüber nie. Zuerst dachte ich, es läge daran, dass es für uns beide

unausgesprochen kostbar war. Mittlerweile glaube ich, du hast nie so viel darüber

nachgedacht.


Es fiel ihr leichter als mir, sich in Gruppen einzufügen. Sie ging zum Turnen, zum

Chor und zur Lerngruppe und sammelte Menschen wie ich Songs, die ich meinen

zahlreichen Playlists hinzufügte und sie ihr dann schickte. Ich hoffte, dass sie

meine Stimmung daraus lesen konnte. In gewisser Weise war sie mein Fenster zur Welt. Wo sie hinging, gehörte ich auch dazu.


Wir träumten von unserer Zukunft. Von unseren Kindern, auch wenn wir nie

präzisierten, mit wem wir sie haben würden. Wir sprachen über gemeinsame

Reisen. Du wolltest nach Hawaii, ich zu den Niagara-Fällen. Unsere Leben sollten

für immer verknüpft sein.


Als wir jung waren, haben wir gegenseitig die Textnachrichten in unseren Handys

gelesen. Der Screenshot von der Nachricht ihres ersten Crushs, als ich beim

Formulieren der Antwort half. Die wütende Ansage meiner Mutter, weil ich mein

Zimmer nicht aufgeräumt hatte, bevor ich mich mit ihr traf. Bis mir irgendwann

ein Passwort den Zugang zu ihren Gesprächen außerhalb von mir verwehrte.


Immer wieder versuche ich, den Moment zu fassen, in dem du mir entglitten bist.

War es, als ich nicht zu diesem Konzert gehen wollte und du, anstatt mit mir

zuhause zu bleiben, alleine hin bist? Oder als du seine Nummer annahmst, ihm die erste Nachricht schriebst? Als ich nicht mehr mitreden konnte?


In einem Sommer fuhr sie mit ihren Eltern drei Wochen in den Urlaub. Es war

eine Zeit ohne kostenloses Roaming und dauerpräsentes W-Lan. Die längsten drei Wochen meines Lebens. Alles, was ich erlebte, alles, was ich dachte, schrieb ich in ein pastellblaues Notizbuch, bereit es ihr nach ihrer Rückkehr vorzulesen. Doch dann hatte sie so viel zu erzählen, von Abenden an der Strandpromenade, dem Jungen, der sein Bier mit ihr teilte und für den sie sich aus dem Ferienhaus

geschlichen hatte. Meine Notizen verblassten im Gegensatz dazu, also blieb ich

stumm.


Zwischen uns war alles. Zwischen uns passte nichts.

Sie motivierte mich, das Beste aus mir herauszuholen. Für niemand anderen war

ich bereit, noch die Augen offen zu halten, wenn meine Lider schon schwer waren

und sich die Welt um mich herum langsam zu drehen begann. Nur für sie

schluckte ich schwere Gefühle hinunter, um ein Teil ihrer Abenteuer zu sein.


Du bautest dir dein eigenes Leben wie ein Kind, das mit Bauklötzen spielt. Du

plantest einen Raum für mich, aber fragtest mich nicht, ob ich die Wandfarbe

mochte oder mir die Fenster genug Licht brachten.


Sie machte das, was alle machten. Normale Entwicklungsschritte. Man sieht es in

der Literatur: In Kinderbüchern geht es um Freundschaft, ab den Jugendbüchern

sind die love interests nicht mehr wegzudenken. Geschichten spiegeln das wahre

Leben wieder. Ich konnte ihr keinen Vorwurf machen. Ich wünschte mir nur, ich

wäre nicht alleine in meinem Entwicklungsschritt geblieben.


Ich glaube nicht, dass ich mit dir schlafen oder dich heiraten oder mit dir Kinder

haben wollte. Ich will deine Person sein.


Bei unserem letzten Telefonat reichte sie mir den kleinen Finger. Aber ich wollte

die ganze Hand. Ich wollte Urlaube und Wochenenden und lange Gespräche und

ich wollte die erste Person sein, die sie anrief, wenn sie gute Nachrichten bekam.

Ich wollte unser Leben miteinander leben, nicht umeinander herum.


Du bist die Geschichte, deren Ende ich mir in tausend Variationen ausmale.

Es gibt keine Erinnerung, die ohne dich auskommt.

Du bist alles, was ich je haben wollte.

Du bist der Sturm, den ich vom Fenster aus beobachte.

Wir sind wie alles andere: vergänglich, temporär, endlich.



Über die Autorin:

Silvia Klein ist freie Autorin sowie Redakteurin und absolviert derzeit ein Volontariat in der Verlagsbranche. 2020 erschien ihr erster Roman "Nachts sind alle Gedanken grau" im Periplaneta Verlag. Sie lebt in Bayreuth und Berlin.




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