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Linien auf Asphalt

Aktualisiert: 5. Juni

von Katharina Wulkow. Der Text fängt das Gefühl einer durchzechten (Sommer-)Nacht perfekt ein. Obwohl man sich mitten in Berlin befindet, entsteht eine Atmosphäre, die man sonst nur in den frühen Morgenstunden erlebt.



Betrunken läuft sie Wörter.

„Nüchtern trau ich mich nich, stell ma vor, wie die schaun würdn.“

Am liebsten mag sie solche wie warm oder dumm. Immer oder

Meer.

Jedes Wort geht sie in Schreibschrift.

„Das fließt so schön.“

Ich verfolg ihre Schritte, die Linien, die sie malt, seh

Buchstaben auf dem Asphalt aufglimmen. An manchen Stellen

haben sie Dellen oder zu große Bögen.

Liebe mag sie nicht besonders, erklärt sie mir, als wir an einer Ampel stehen bleiben.

„Das b is mir zu geschwurbelt“, sagt sie. „Wenn Linien sich

überkreuzen, fühln die sich komisch an. Nich alle. Aber

viele.“

Wie das k in Borke.

Zum Beispiel.

 

Sie hat gar nicht so dicht gewirkt im Club.

Die langen Haare verschwitzt im Nacken, die Wangen gerötet,

aber der Blick klar.

Jetzt verliert sie ihn ab und zu an den Straßenecken.

Laternenlicht in ihren Augen, als sie nach oben sieht und die

Sterne sucht.

„Is zu hell hier“, sagt sie.

Eigentlich würd ich gern abhaun. Ich steh nicht so auf besoffne Menschen. Sie driftet davon und ich nehm ihre Hand.

Bevor sie abhebt. Oder sich auflöst.

„Was is’n dein Lieblingswort?“ Ich weiß keins.

 

Der Wind weht ihr Haarsträhnen ins Gesicht.

Sie legt den Zeigefinger auf den Mund, neigt den Kopf nach

rechts. Vögel. Zögern über unseren Köpfen, nur ein paar Mutige

stimmen ihre Lieder an.

 

„Die spürn den Morgen. Auch wenn der Himmel noch schwarz is.“

Da ist eine kleine Narbe an ihrer Unterlippe. Rum-Cola hängt

in der Luft zwischen uns.

Will sie schmecken.

Sie löst ihre Hand aus meiner, schüttelt den Kopf.

Ich kapier gar nichts mehr.

 

Sie steuert auf den U-Bahn-Eingang zu. Rosenthaler Platz. Hab nich mitbekommen, wie weit wir gelaufen sind. Wie durchn Loch im Raum.

Ist besser, sie fährt heim.

Sie macht alles schwindlig. Häuser, Bäume, Mülltonnen, alles

schwankt. Der Boden, weicher als sonst. Ich kneif die Augen

zu, mach sie auf.

Sie steht auf der Rolltreppe, versinkt unter dem leuchtenden

U. Hebt den Arm zum Abschied.

„Fabelhaft“, denk ich.

Mein Vater hat das immer gesagt.

Ein verschwurbeltes b, ne Menge überkreuzte Linien. Würd ihr nicht gefallen.

Das Rattern der Bahn.

Unter meinen Füßen vibriert das Kopfsteinpflaster.

Ich renn los.



 


Die Autorin: Katharina Wulkow (@rina.schreibt)

Ich schreibe, um einzufangen, was manchmal zu diffus erscheint. Um Ruhe ins Kopfchaos zu bringen. Und um in Worte zu fassen, was um mich herum geschieht. Zu meinen Veröffentlichungen gehören diverse Kurzgeschichten und Gedichte in Anthologien und Literaturzeitschriften, u.a. in entwürfe, DreckSack, mosaik, mischen und MAULhURE. Zuletzt auch in englischer Übersetzung in No Man’s Land - New German Literature in English Translation.

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