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Körperlich #7 - Unbetanzt (Anna Job)

Aktualisiert: 24. Mai 2023




 

Mit dem Thema "Körperlich" unserer neuesten Ausgabe, die im Februar '23 erschien, erreichten uns zahlreiche Einsendungen, die wir aufgrund begrenzter Seitenanzahl leider nicht alle veröffentlichen konnten. Dennoch möchten wir Euch ein paar ausgewählte Schätze nicht vorenthalten und beenden diese Serie mit dem Text Unbetanzt von Anna Job und tollen Illustrationen von Corinna Pourian. Lasst uns dieses Thema noch etwas nachfühlen und ausklingen, bevor es an die nächste Ausgabe unserer Issue n°5 geht.

Viel Spaß dabei!


 


Illustrationen von Corinna Pourian




Unbetanzt

von Anna Job


Ich gehe schnell. Mein Atem schneller.

Nur noch die nächste überqueren und dann das zweite Haus. Ich seh Leute davor rauchen. Doch ich schaffe es nicht. Beim ersten Mal biege ich ab. Vorher.

Einmal um den Block.

Beim zweiten Mal gehe ich auf der anderen Straßenseite. Vorbei.

Ein dicker Bauch voll Schritte.


Mama knotete ihre rot weiße Schürze immer vorne.

Der Mann an der Bushaltestelle trägt seine Schürze immer tief. Hängend. Aus Haut.

Ungezeigt.

In Sicherheit.


Ihr Kopf schwarzweiß auf der Kommode. Im schwarzen Rahmen.

Ich weiß noch, die Beani war blau.

Ihr Haar weg, bevor es grau

werden

konnte

ich nichts zu ihm sagen. Wieder.

Unbeweint.

Ein dicker Hals voll Kloß.


Dieses Reiben. Dieses Brennen.

Kalte Finger. Tiefes Stochern.

Heute mit Resten von Chili Chips.

Dieses «bisschen höher». Wieder.

Ungesagt.


Meine Beinhaut ist eine Reithose. Ausgefüllt. Also nehme ich Stunden auf Schulpferden, damit mein Körper irgendwie Sinn ergibt.

Bis zur Allergie.


Was war zuerst: «Ich fette Sau», oder «Du fette Sau!»?

Äste ungebrochen, weil gar nicht erst geklettert.

Unverlaufen, weil gar nicht erst gesucht.

Brote unbelegt. Nur geschmiert.

Haare wie erwartet nachgewachsen, weil gar nicht erst rasiert.

Erst Schläppchen, dann Pumps, unbetanzt. Nicht mal gekauft.

Ich seh Leute davor lachen.


«Schokocroissants sind schon aus»

«Dann nehm ich ein normales», sagt die vor mir. So ganz einfach.

Und ich denke, Mist, dann muss ich zu nem anderen Bäcker.

Ich komme zu spät zur Vorlesung, aber nur so kann ich zuhören.


Samstag Abend, ein von drei mal die Woche, gieße ich siebzig Zimmerpflanzen. Rosa und zaghaft blühen

die Strings in meiner Mauerblümchenschublade.

«Du unbeficktes Blatt.» Im Spiegel.


Erzwungenes Swipen, Tippen. Matchen.

Klatschen.

Ich ziehe ihn ein.

Hand an meiner Hüfte. Krallt.

Hüfte an meinem Po. Knallt.

Ein Schaudern. Er heiß. Ich kalt.

Unwiederholt.


Eine Bestellung. Zwei Stücke Kuchen.

Alleine auf der Parkbank. Als hätte ich keinen Couchtisch.

Nur kurz zum Briefkasten, hatte ich Roomie gesagt. Sie soll nicht sehen, dass es zwei sind.

Ungekaut. Geschluckt.

Später unverdaut. Gespuckt.


Mein dicker, dicker Bauch ist frei, ich wünsche mir ein Snickers herbei.

Ich will das mir schlecht ist. So schlecht, dass es sich dreht. Dass es mich ausnockt. Dass ich fertig bin.

Mit dem Hier. Denn schlafen kann ich schon lang nicht mehr. Nur hier.

«Zwei Snickers bitte. Und noch Tropifrutti».

Die 3.60.- hab ich mir von Önder aus der Bürokasse geliehen, so als wäre das Gefühl was wichtiges.

Jegliches.

Als müsste ich noch den letzten Bus erwischen.

Aber sie wissen es eh, wie es ist. Ein Sammelbecken. Für gestrandete. Bäuche.


Bis eines Tages: Füße stemmen gegen die Wand. Beulen aus. Auf der Suche nach der Grenze.

Ein dicker Bauch voll Tritte. Endlich was gespürt.


Erst prall dann schlaff.

Er räumt seine halbvollen Chipstüten nicht in den Schrank zurück. Die leeren nicht in den Müll. Jede Nacht Rascheln, ich soll es hören. Seinen Hilferuf.

Dennoch lege ich leise meinen dicken Bauch voll Liebesfilmen auf die Couch und «schlafe ein» bis die Kinder schreien.


Er sagt: «Hier steht es schwarz auf weiß: Die moderne Kleinfamilie, ohne Sippe, ist eigentlich für den Menschen nicht tragbar.»

Zwei dicke Krisen noch vor Midlife.


Füße in warmen Socken nebeneinander vor dem Stuhl. Schultern locker, festen Bodenkontakt. «Seien Sie geerdet.»

Mit meinen Händen auf ihm drauf, soll ich ihn fragen: «Lieber Bauch, was willst du mir sagen?»

Er antwortet prompt: «Ich will, dass man mich mag.»

Ungefühlt. Das Gefühl unerlaubt.

Bis jetzt.


 


Danke

Anna Job

schreibt gerne über Mütter. Wasser. Kompost.

Und an Bäume.

Bisschen lyrisch.

Als freie Autorin. Germanistin. Halbe Informatikerin.

Und bisschen (UX-) Texterin.

Sie lebt in München, liebt einen Mann, zwei Kinder und zwei Kater.

Und vier Hühner. Bisschen weniger.

Ihr Debüt «Salzige Milch» und "Muschmamm" (2025) erscheint im Kunstanstifter Verlag.


Danke

Corinna Pourian: @grau_und_gold

Illustratorin, Pädagogin, Ladenwünscherin, Mama hoch 3-5


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