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Die Insel - eine Kurzgeschichte

von Christian Knieps. Eine Gesellschaft, die einen radikalen Wandel erlebt, nur um dann in einer statischen neuen Ordnung zu verharren. Was geschieht, wenn eine Gesellschaft nach einer Revolution weitere Veränderung ablehnt? Die Erzählung lädt dazu ein, über die Folgen eines solchen Stillstands nachzudenken und was es bedeutet, wenn eine ganze Zivilisation ihre eigene Entwicklung aufgibt. Schreibprompt: Schreib aus der Perspektive einer Insulanerin. Hat sie das Bedürfnis nach mehr? Postet eure Antworten gerne auf Discord!


Es begab sich aus einer unvorhergesehenen Entwicklung heraus, dass sich das Volk einer der vielen europäischen Inseln an einem Tag entschloss, eine Revolution durchzuführen. Eine Revolution ohne Gewalt, denn das Ziel dieses politischen und gesellschaftlichen Umsturzes sollte der Wegfall beider Strukturen sein.

Somit begann und endete die Revolution an ein und demselben Tag, der trotz des Erfolges zu keinem Nationalfeiertag erhoben werden konnte, da es keine Nation mehr gab.

Zur gleichen Zeit verzichtete die revolutionierte Insel auf jegliche politische Führung, woraus für die anderen Staaten das Problem erwuchs, dass sie weder den neuen Nichtstaat anerkennen noch ablehnen konnten. Zudem gab es keine Stelle, an die man sich offiziell wenden konnte, und daher blieben die botschaftsformalen Gesandtschaften aus. Dafür jedoch interessierten sich insbesondere die Medien für diesen Umsturz. Sie kamen in Scharen auf die Insel, um festzustellen, dass kaum etwas langweiliger sein konnte, als Menschen, die einer Tätigkeit nachgingen, um sich und ihre Familien zu ernähren. Aus diesem Grund wechselten die Besucher*innengruppen nach nur wenigen Wochen, und zunehmend kamen mehr und mehr Wissenschaftler*innen auf die Insel, um dieses Sozialexperiment zu beobachten. Doch auch sie stellten bald fest, dass der Mensch in seinem Habitus des Selbstversorgens nicht sehr spannend erschien, und so zogen sie bis auf wenige Ausnahmen auch wieder ab. Als nächstes kam die Gruppe der Aussteiger*innen auf die Insel und brachte das Gefüge etwas durcheinander – wobei objektiv die Frage zu stellen ist, ob ein Nichtgefüge durcheinandergeraten kann. Die Aussteiger*innen merkten bald, dass es zwei Wege gab: beim Verbleib auf der Insel musste jeder für seine Versorgung selbst arbeiten oder die Insel wieder verlassen. Als auch dieser Besucher*innenstrom versiegt schien, entwickelte sich die Inselnichtgesellschaft zu einem steten und konfliktfreien Miteinander, das ohne den Anspruch des steten Fortschritts und Mehrung des Wohlstands existieren konnte. Aus diesem Grund verflossen Themengebiete wie Schul- und religiöse Bildung immer mehr ins Nichts, und schon bald war aus den Köpfen der Insulaner*innen alles verschwunden, was nicht zum Erhalt des eigenen Lebens von Nöten war. Die Heranwachsenden wurden in der schonenden Nutzung der natürlichen Ressourcen der Insel unterwiesen, arbeiteten in Verbünden für den Erhalt der Familie und lebten mit einem sorgenfreien Blick in die Zukunft.

Doch der Mensch wäre nicht der Mensch, wenn es nicht immer wieder Exemplare geben würde, die sich nicht damit zufrieden geben können, was sie besitzen. Wenn es in diesen Momenten noch Sozialwissenschaftler*innen auf dieser Insel gegeben hätte, dann wären sie wohl überrascht gewesen, dass sie alle ihre Theorien, die sie über Jahrhunderte durch kluge Beobachtungen erdacht hatten, nicht zur Anwendung bringen konnten.

Denn die fehlenden gesellschaftlichen und politisch-herrschaftlichen Strukturen führten dazu, dass es niemandem gelang, sich über einen anderen Menschen zu erheben. Diese Versuche wurden mangels Erfolgs wieder eingestellt und blieben mit fortschreitender Zeit dann auch aus. Wie ein Außenstehender objektiv zugeben musste, blieb im Grunde mit der Zeit alles aus – bis auf die jährlichen Ernten oder Schlachtungen, um die Insulaner*innen zu versorgen. Mit dem Ende jeglicher sozialen Bildung starben auch die letzten Knospen sozialer Bindungen über die eigene Familie hinaus. Als letztes kam der Tod auf die Insel, in Form einer grassierenden und von Zugvögeln übertragenen Seuche, die alle Insulaner*innen erfasste und binnen kurzer Zeit dahinraffte. So legte sich eine friedliche Entwicklung zu Grabe nieder, die an ihrer Friedlichkeit innerlich zugrunde ging.

Über den Autor: Christian Knieps, geb. 1980, lebt und arbeitet als Abteilungsleiter bei DHL Express in Bonn und schreibt Theaterstücke (veröffentlicht in der Theaterbörse, im adspecta Theaterverlag, Plausus Theaterverlag, mein-theaterverlag und Ostfriesischer Theaterverlag), Kurzgeschichten (in einigen Zeitschriften wie Prolog, Dreischneuß, eXperimenta, LitGes, Dichtungsring… veröffentlicht) und Romane.

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