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Warum eigentlich Kunst übers Alter?

Aktualisiert: 25. Juli 2023

Ein Gespräch mit Regisseurin Pia Lenz



Für Immer Filmplakat mit Eva und Dieter

Pia Lenz hat einen Dokumentarfilm gedreht – „Für Immer“ über Dieter und Eva Simon, ihre Liebe, das Alter(n) und das Abschiednehmen von Dingen, Menschen und sich selbst. Über Jahre hinweg begleitete Pia das Ehepaar bei großen und kleinen Momenten und wächst mit ihnen zusammen. Heute sind beide tot – was nehmen wir mit von ihrer Geschichte und was hat Pia mitgenommen?

die beiden alles junges paar



Eva Simon war Autorin und gab noch im hohem Alter Lesungen über ihre Kindheit in Nazi-Deutschland an Schulen. Dieter Simon war Bauingenieur. Die beiden heirateten 1957 und hatten drei Kinder. Ihre zweite Tochter starb bei einem Unfall. Die beiden konnten bei Evas Tod 2021 auf eine jahrzehntelange Ehe zurückblicken.



Leerstellen


Pia hatte erwartet, dass manche sagen würden „so eine traditionelle Ehe, was hat das noch mit heute zu tun“ – aber das kam nicht. Gerade viele junge Leute hätten sich mit Evas Innenleben identifizieren können, diesem eingesperrt sein und sich nicht verwirklichen können. Aber wie erzählt man solche Themen, wie erzählt man solche Menschen auf der Leinwand?

Die Geschichte von Dieter und Eva ist geprägt von Leerstellen, auch deswegen, weil es oft genau nicht funktioniert hätte, während dem Dreh nach bestimmten Dingen zu fragen – oft kam Pia dann nicht weiter. Sie merkte, sie musste es durch Beobachten des Zusammenhalts, der Kommunikation und Konflikte der beiden. „Meine Art Dokumentarfilme zu machen ist immer auch Recherche mit der Kamera. Am Anfang lasse ich die einfach immer „mitlaufen“ – damit sich alle an diese Situation gewöhnen.“ Dabei kämen Themen und Punkte auf, die man vertiefen will, und oft sind es nicht die, die man im Vorhinein geplant hat. Gerade bei Dieter kam sie mit Worten nicht weiter, biss sich die Zähne aus, bis sie Dieter einfach mehr schweigen ließ, begann seine Hände zu beobachten, die Dinge zu filmen, die er tat, nicht die, die er sagte.


die beiden im Garten, er hilft ihr dabei, die Treppe hinunter zu steigen

„Dieter kommuniziert seine Gefühle nicht unbedingt durch Worte, sondern durch Handlungen. Das war auch elementar für die Beziehung der beiden.“ Der Garten wurde plötzlich relevant für den Dreh, der Garten wird zum Teil eines Charakters auf der Leinwand.



Altern

Dieter sagt irgendwann beim Holzhacken „Das Schwerste am Altwerden ist, Dinge aufhören zu müssen“.

Der Film arbeitet nicht damit, tausend Worte aufzunehmen, sondern viel mehr damit, das schwere Atmen von Eva in den Hintergrund zu legen wie Meeresrauschen – zu zeigen, wie sie zunehmend kämpft, die Treppe hochzugehen. „Das Alter ist ein ewiges Abschiednehmen“, hätte Eva gesagt. Fahrrad-Fahren, Auto-Fahren, Langlaufen – Abschiednehmen von den Dingen, die einen ausgemacht haben und am Ende bleibt nur noch ein ganz roher, nackter Kern, der auf andere Menschen angewiesen ist.



ihre faltigen Hände mit Eheringen


Pia hat diesen Prozess bei Eva eng begleitet und beobachtet. Sie hat irgendwann Frieden mit diesem Abschiednehmen gemacht und die Hoffnung mit dem „das wird nochmal besser und dann“ aufgegeben. Aber Dieter nicht, für ihn war das Abschiednehmen schwieriger, von ihr, von der Gesundheit, vom gemeinsamen Dinge tun. Was sagen wir ohne unsere Worte? Und bleiben uns im Alter nur noch die Worte? Als Eva nichts mehr tun kann, kann sie noch sprechen – aber nicht mit Dieter, der ihr schwächer werden nicht wahrnehmen und die Hoffnung nicht aufgeben möchte. Den Tod seines Kindes hätte er auch mit dem Bau des Hauses verarbeitet.

Als später die Tagebücher dazu kamen, verstand Pia noch viel mehr über die beiden. „Ich bin ein ganz aktiver Faktor, wenn ich da mit meiner Kamera in das Leben komme. Ich habe Themen nochmal aufgewirbelt und Eva hat das sehr gefreut, es war, als könne sie ihr Leben zu Ende erzählen.“ Warum wollen wir unsere Geschichte teilen? Gerade wenn wir älter werden? Wollen wir, dass Menschen von uns lernen? Wieso sind wir plötzlich so bereit intime Dinge zu teilen?

Geliebt werden

Pia hat erkannt, dass Eva und Dieter sich von uns gar nicht so viel unterscheiden, auch wenn gesellschaftliche Umstände sich ändern. Manche Dinge, für die Eva kämpfen musste, sind für die heutige Generation von Frauen einfacher. Pia glaubt jedoch, dass die Sehnsucht geliebt zu werden und sich von anderen Menschen gesehen zu fühlen eine menschliche Sehnsucht ist, die wir alle haben. Der konkrete Rahmen unterscheidet sich abhängig von individuellen sozio-kulturellen Hintergründen – aber in diesem Wunsch sind wir vielleicht alle gleich. „Das fand ich eine tröstliche Erkenntnis. Weil ich auch meine eigene Familie besser verstanden habe durch den Dreh.“ Eva hat in einem Nebensatz die Affären fallen gelassen und Pia rollte das dann irgendwann nochmal auf: man hätte es eben ausprobieren wollen. Diese banale Anekdote hat große Bedeutung, man fühlt sich mehr verbunden mit den beiden durch diese Geschichten: wir sind aus unterschiedliche Generationen aber wir verhandeln die gleichen Dinge in Beziehungen:

„Wir suchen nach Autonomie und Liebe und verhandeln unsere Grenzen immer wieder neu. Im Hintergrund ist das das, was ich zeigen wollte – bis zum Schluss haben Eva und Dieter ihre Beziehung immer wieder neu verhandelt. Es gibt kein Patentrezept für (Beziehungs-)glück.“

„Aber mit Mitte Ende 80 hatte Eva immer noch das Gefühl, sie muss mit Dieter darüber sprechen, dass er ihr nicht ordentlich zuhöre.“ Manchmal könne man Dinge nicht zu 100 Prozent auflösen – aber man kann es immer wieder versuchen. “Das ist das, was ich von den beiden mitgenommen habe.“ Konflikte sind da und bleiben auch, aber das Sprechen darüber, das Aushandeln, das hört nie auf.



Näherkommen

„Wir reden mit älteren Menschen oft nicht über so intime Themen“, sagt Pia. Und sie hat recht, wir sprechen übe reden Krieg und Co. vielleicht – aber über das ganz normale Altern in seiner Banalität, die guten und die schlechten Sachen, das nicht unglaublich Herausragende, die Feinheiten der Beziehung früher und heute…. Darüber sprechen wir nicht. „Es wäre schön, wenn Leute aus dem Film mitnehmen, dass sie ja auch mal ihre (Groß-)Eltern fragen könnten.“


ein leeres Krankenbett neben einem Stuhl


Alle Fotos sind aus dem Film. Er kommt am 23.11.2023 ins Kino. Geht rein!




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