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Körperlich #5 - Schön (Marleen Uebler)


 

Mit dem Thema "Körperlich" unserer neuesten Ausgabe, die im Februar '23 erschien, erreichten uns zahlreiche Einsendungen, die wir aufgrund begrenzter Seitenanzahl leider nicht alle veröffentlichen konnten. Dennoch möchten wir Euch ein paar ausgewählte Schätze nicht vorenthalten und ergänzen die Serie "Körperlich" nun mit zwei Kurzgeschichten (Schön und ohne Titel) von Marleen. Lasst uns dieses Thema noch etwas nachfühlen und ausklingen, bevor es an die nächste Ausgabe unserer Issue n°5 geht.

Viel Spaß dabei!


 

Schön

von Marleen Uebler


Ein Schritt vor dem anderen. Eine Bewegung, die mein Körper schon so gut kennt, dass ich nicht mal mehr bemerke, wie ich mich bewege. Ich tue es einfach. Es ist eine monotone Bewegung, und erst nach einer langen Weile, bemerke ich eine leichte Anstrengung. Ich laufe, um meinen Gedanken zu entkommen, aber leider denke ich beim Laufen wohl eher noch mehr nach. Meine Gedanken kreisen. Ich spüre meinen Körper. Mir ist schmerzlich bewusst, wie groß und breit er ist. Ich kann meine Knöchel nicht anschauen, ohne zu denken, dass sie zu breit sind. Ich kann mich auf Bildern manchmal nicht ertragen, weil ich meinen Körper schrecklich finde.

Die Gedanken kommen immer, egal wo ich bin, und wie es mir gerade geht. Ob ich allein bin, oder mit Freunden. Ich halte kurz inne, um mich zu entscheiden, ob ich jetzt rechts oder links abbiegen soll. Links. Ich gehe weiter, es ist neblig und es

nieselt leicht. Trüb. Genauso sieht es in mir auch aus: ich fühle mich trüb. Seltsam,

dass die Stimmung häufig auch zu diesem Herbstwetter passt. Die Gedanken, die

sich in mein Hirn bohren, sind anstrengend. Es ist anstrengend, sich immer auszumalen, was die Anderen jetzt sehen. Was sie denken, wenn sie mich sehen. Wie sie mich bewerten würden. Manchmal ist es fast erleichternd, wenn ich dann in den Blicken der Anderen eine Bestätigung finde, oder in ihren Worten. Wenn sie bewerten, was ich trage, wie viel ich gegessen habe oder was ich esse. Man sperrt mich in einen Käfig aus Äußerlichkeiten, die mich einsperren in dem ewig gleichen Gedankenkarussell. Dann drehe ich mich immer im Kreis und komme nicht voran.

Ich studiere, arbeite und denke. Aber eigentlich geht es nur darum, ob ich die passende Kleidergröße habe. Das richtige Gesicht, die glänzenden Haare. Es geht

darum, ob ich genau richtig sexy bin um nicht prüde zu erscheinen, und genau richtig prüde bin um nicht zu nuttig zu sein. Ja, ja. Das hatten wir schonmal alles. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, das meine Mitstreiterinnen, die eher Normschön sind, weiter kommen. Weil sie in den Augen der Männer, die sie bewerten, besser sind. Fuckable. Die Augen der Männer schauen auch durch Frauenaugen auf mich. Wenn ich darauf angesprochen werde, ob die Hose, die ich trage nicht zu kurz ist. Oder Jemand missbilligend auf meinen kurzen Rock blickt. Oder mir sagt, dass ich ja auch gleich nackt rausgehen kann, wenn ich durchsichtige Kleidung trage. In dem Fall war es ein Oberteil und ich hatte noch etwas drunter. Alles Worte von Frauen an mich. Man (oder besser: Frau) soll sich also am besten schon in Erwartung des Blickes vom Mann, so kleiden, dass sie ihm entspricht. Frauen haben gelernt. Sie meinen es ja nur gut. Dass all die‚ gut gemeinten‘ Ratschläge nur dazu führen, dass ich jeden Tag etwas mehr kämpfen muss, ist vielen nicht bewusst. Ich höre die Stimmen bei jedem Blick in den Spiegel. Ihre Blicke folgen mir bei jeder Bewegung. Ich kann nicht einfach mal ‚ich‘ sein. Ich. So wie ich eben bin. So wie mein Körper ist. Der mich trägt. Er bringt mich weiter. Voran, mit jedem Schritt den ich tue. Mein Körper ist auch nichts Besonderes: ich bin nicht besonders groß oder klein. Nicht mal besonders dick oder dünn. Ich bin wie alle anderen auch. Und wie alle anderen auch, werde ich bewertet. Weil ich Dinge tue oder trage, die Menschen, die aussehen wie ich, nicht tun sollten. Kurze Röcke: eher schlankere Frauen dürfen das. Genauso mit enger Kleidung. Weiter Ausschnitt: eher Frauen mit größeren Brüsten können sowas tragen. Enge Hose: dafür ist dein Hintern zu groß, Marleen. Das Shirt ist zu kurz, man sieht zu viel Haut. Du bist eben keine kleine Elfe, Marleen. Wirst du jetzt etwa auch fett? Mach dir keine Sorgen, der Babyspeck geht schon noch weg. Alles Sätze, die mir so eins zu eins gesagt wurden, während ich aufwuchs. Ich könnte noch viel mehr aufzählen. Auch wieder gut gemeinte Ratschläge von Frauen, die mir nahestehen. Ich habe schon früh gelernt, dass ich als Frau zu bewerten bin. Ich habe mich nie wohlgefühlt in meinem Körper. Das Gefühl habe ich erst kennengelernt, als ich aufgehört habe zu essen. Und die Menschen um mich herum mich endlich für gut befunden haben. Mein Körper war endlich richtig.


Kurzer Zeitsprung zu heute. Wie ich so gehe, einfach weiter durch die trübe Landschaft. Heute bin ich wieder ich. Ich habe meinem Körper so viel angetan, ich habe mich fast verloren. Im warsten Sinne des Wortes. Beinah. Und auch jetzt, obwohl ich so so viel stärker bin als früher, als damals, bin ich immer noch unsicher.

Ich frage mich manchmal trotzdem, ob ich nicht lieber etwas weniger sein sollte. Ob ich so nicht erfolgreicher sein könnte. Beruflich und privat.


Noch ein paar Schritte und ich bin oben. Mein Atem geht jetzt schneller, meine Wangen sind gerötet und ich bin so weit oben, dass ich die Wolken sehe, die im Tal hängen. Manchmal glaube ich, dass es gut ist. Jetzt bin ich vielleicht nicht so dünn und ‚schön‘. Aber ich bin stark. Stark genug, um alles auszuhalten. Stark genug, um meinen Weg zu gehen, ohne dass es anstrengend wird. In meinen Augen macht mich das schön.




 



Dein Blick haftet auf mir, als wäre er klebriges Kaugummi an meiner Schuhsohle. Er geht nicht mehr ab. Du blickst mich an, als wäre ich nur da, um dir zu gefallen. Als hätte ich die Kleidung nur getragen, um dir zu gefallen, meine Haare nur so weil sie so deinem Geschmack entsprechen. Du schaust weiter, penetrant suchen deine Augen meinen Blick. Und egal wie sehr ich es gerne würde, ich sage nichts. Ich schaue weg, und hoffe, dass es nur bei deinem Blick bleibt. Dass es nicht noch

Worte werden, bei denen ich dann so tun muss, als würden sie mich nicht tangieren. Als würde ich nicht auch so, auf dem Heimweg daran denken. An die Angst, die dein Blick in mir auslöst. Du glotzt die ganze restliche Busfahrt und ich atme erst auf, als du, nicht ohne nochmal zu mir zurückzuschauen, aussteigst.


Es ist dunkel, ich bin nicht mehr ganz nüchtern, und ich tanze. Die Lichter flimmern und flackern, es ist laut und ich spüre den Bass in meiner Brust. Ich tanze ausgelassen. Aber da sehe ich dich wieder, du stehst am Rand der Tanzfläche. Du tanzt nicht, aber du guckst. Starrst zu mir rüber. Ich sehe dein Gesicht nicht, ich sehe nur deinen Kopf, er ist geneigt, dein Körper ist entspannt. Und du schaust mich an. Als würde ich nicht wegen der Musik tanzen, sondern für dich. Damit du mich anschauen kannst. Der kurze Rock, meine Beine, meinen Körper. Meinen Ausschnitt. Dein Blick legt sich auf mich wie eine Decke. Plötzlich vergeht mir die Lust am Tanzen. Mein Körper kommt mir obszön vor: zu sexy, zu krass, zu kurvig. Nuttig. Dreckig. Ich gehe.


Es ist draußen schon dunkel, und ich bin müde. Ich sitze in der vollen U-Bahn, mein Rucksack auf meinen Beinen. Ich höre laute Musik und achte nicht auf die Menschen um mich herum. Meistens versuche ich ihre Blicke zu meiden. Dann bemerke ich, als ob ich ihn spüren könnte, deinen Blick. Du stehst schräg gegenüber von meinem Blickfeld und schaust zu mir. Ich versuche nicht, zurückzuschauen. Ich will nicht, dass du bemerkst, dass ich dich bemerkt habe. Du blickst mich an, und ich sehe, dass du mich bewertest. Der Rock ist zu kurz, die Beine zu dick, die Jacke zu eng. Deine Augenbrauen sind oben und die Missbilligung sehe ich sogar aus dem Augenwinkel. Dein Blick ist zu lange auf mir, als dass es zufällig sein könnte. Mein Körper, den ich mir als ich nach Hause gekommen bin, im Spiegel angucke, kommt mir zu groß vor. Zu breit, zu viel, zu hässlich.


Ich laufe durch die Stadt, es ist warm. Mir ist warm. Ich spüre die Sonne auf meiner Haut und den leichten kühlen Wind. Ich trage ein Kleid, es berührt meine Beine. Deine Blicke sind da, die mich bewerten. Sie nehmen sich von mir, nehmen mir das Gefühl mir selbst zu gehören. Bin ich schön? Hässlich, in deinen Augen? Hätte ich mehr sein sollen, weniger? Ich trage ein Kleid, das ich liebe, aber wenn du mich so anschaust, dann kommen Zweifel.

Ich trage das Kleid aber nicht für dich. Oder die Hose, den Lippenstift. Auch wenn du nichts sagst, haften deine Blicke an mir, wie Kaugummi an meiner Sohle.

 



Danke

Marleen Uebler

Germanistik Studentin, die in München geboren ist und auch dort studiert. Sie schreibt schon seit sie einen Stift halten kann, zeichnet und singt gern in ihrer Freizeit. Sie schreibt am liebsten Gedichte oder Artikel, wagt sich aber auch ab und an Kurzgeschichten ran.


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