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Körperlich #1 - Ich glaubte, ein Menschenland zu betreten (Sarafina-Abena Yamoah)

Aktualisiert: 5. Apr.


 

Mit dem Thema "Körperlich" unserer neuesten Ausgabe, die im Februar '23 erschien, erreichten uns zahlreiche Einsendungen, die wir aufgrund begrenzter Seitenanzahl leider nicht alle veröffentlichen konnten. Dennoch möchten wir Euch ein paar ausgewählte Schätze nicht vorenthalten und starten deswegen eine kleine Serie auf dwem Blog mit dem Titel "Körperlich", um dieses Thema noch etwas nachzufühlen und den Gedankengang langsam ausklingen zu lassen.

Viel Spaß dabei!

 


Bild: Pia Stautner



Ich glaubte, ein Menschenland zu betreten

- Sarafina-Abena Yamoah


Meinem Körper wurde eine Geschichte aufgedrängt, die er nicht erzählen möchte


Sie steht irgendwo niedergeschrieben an den Stellen, an denen niemand nachlesen möchte, ich

glaube es hat damit zu tun, dass ich selbst sie verschmähe und

das hängt mit all den Tagen zusammen, an denen ich die Kontrolle über diesen Mechanismus angefordert habe, man sie mir jedoch verweigert hat

Deshalb fahre ich stets auf Autopilot, es macht ohnehin keinen Sinn, ich wüsste gar nicht, wie man diesen Körper lenkt

Erst links, dann rechts, schaut zu, wie ich es versuche diesen Körper durch die

widerspenstigen Umstände des Lebens zu manövrieren, als würde ich ein Auto fahren, aber das Leben ähnelt mehr einer Achterbahn: die Spur kannst du nicht wechseln, die Geschwindigkeit nicht bestimmen und jemandem ausweichen ist keine Option, denn es kommt sowieso jeder dran in der für ihn vorgesehenen Reihenfolge


Immer sagen sie: „Sei dein eigener Herr“ – und das bin ich! zumindest, wenn es um die Verantwortung geht, die Befehle erteilt jemand anderes

und sag mir: Wer wird auf diese Weise glücklich? Wenn du dich immer wie der übrig gebliebene Plätzchenteig fühlst, für den jede Ausstechform entweder zu groß oder zu klein ist und das Endergebnis ist jedes Mal dasselbe: ausgefranste Ränder, die nichts Halbes und nichts Ganzes ergeben

Du wirst nie etwas Ganzes, wenn du nicht verstehst auf welchen Grundfesten dieser Körper

steht, aber ich kann nicht zurück, wo ich herkomme, weiß nicht wo ich hinsoll und wo ich gerade bin

Ich weiß nur, dass ich glaubte, ein Menschenland zu betreten und doch war es eigentlich nur Asche von unerfüllten und überfüllten Gefäßen, die sich zufällig „Körper“ nannten


Und du nimmst so viele Umwege, weil du hoffst, endlich irgendwo anzukommen, dort wo du weißt wie du sein kannst, darum geh auf Erkundungstour nach dir selbst, darum folge deinen Adern, deinem Netz aus Adern, ein Gerüst, das zusammenhält, was droht jeden Tag auseinanderzufallen

und dabei immer diese Nervosität, als würde ich in mir gegen Wände rennen und ich hoffe,

der Winter sorgt für einen Fellwechsel, denn ich kann den jetzigen Anblick einfach nicht mehr ertragen

Ich wünschte, du würdest mir diesen Mut zugestehen, dass ich laufen darf, wie ich will, sehen darf, wie ich will, lieben darf, wie ich will

dass du mich weder betrachtest wie einen Spiegel noch wie einen Abgrund,

dass in diesem Gefäß noch genug Leben enthalten ist, um Zärtlichkeit für ihn zu empfinden

Die schwerste Gewalt, die ich meinem Körper tagtäglich zufüge, ist dass ich ihn in eine Form pressen will gegen die er sich eindeutig sträubt


Schon die Pubertät ist dir über den Kopf gewachsen und Wachstum ist nicht immer gut,

manchmal bringt Wachstum auch Deformierung mit sich; wie viele Risse hält ein Gefäß eigentlich aus, bevor es zerbersten muss, weil alles andere unfair wäre gegenüber den physikalischen Gesetzen? Irgendjemand ist immer der Erste, aber ich will es nie sein; ich kann nicht weitersagen, was ich nicht begonnen habe


Was von Herzen kommt, kann dorthin nie wieder zurück, also nimm es an, nimm mich bitte so an wie ich bin, ohne die Schere an die Ränder anzusetzen, ohne Teile von mir zu überdecken, weil sie unzumutbar seien

Ich werde nie eine Schöpfung Gottes sein, aber wirf mir das nicht vor, dass du nicht weißt was du da vor dir hast, Liebe wurde auch nie dadurch wahrer, dass ich wusste, wen ich liebe,

aber

es ist schwierig zu belegen, wer ich bin, wenn es dafür keinerlei Beweise gibt


Aber ich weiß: Du kannst mit deinem Körper nur tanzen, wenn du auch mal die Führung übernehmen kannst und dafür musst du deine eigene Geschichte lesen können.



 

Danke

Sarafina-Abena Yamoah

ist 1995 in Oberhausen geboren und studierte Germanistik. In der Lyrik fühlt sie sich am wohlsten und lotet in dieser immer wieder das Verhältnis von Identität

und Gesellschaft aus. Yamoahs Texte wurden bisher u.a. im Literatur-Magazin Literarische Diverse sowie der Lyrik-Anthologie Lyrischer Lorbeer veröffentlicht.






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