Mysterium Oper: Eine unterschätzte Kunst

Text by

Meine Hoffnung ist, dass ich mit diesem und kommenden Texten immer mehr Leute dazu zu bewegen kann, das eigene Bild von der Oper als unzugängliche, abgehobene Kunstform zu wandeln. Lass dich ein auf eine kurze Reise in eine unglaubliche Welt…

Der Opernwissenschaftler Nicholas Till beschreibt Oper als ein irrational entertainment. Damit trifft er genau ins Schwarze. Statt zu sprechen, singen Menschen sich auf der Bühne an und meistens stirbt irgendeine Frau am Ende einen tragischen Liebestod. So zumindest das allgemeine Empfinden gegenüber der Oper. Dieses Bild ist allerdings nicht ganz gerechtfertigt.


Für Komponist:innen ist das Schreiben einer Oper weit mehr als ein musikalisches Schwelgen in übertriebenen Gefühlen. Besonders seit dem 19. Jahrhundert ist es die Königsdisziplin der Kunst- sie bedient sich aller Künste gleichzeitig und hat die Macht, in unser tiefstes Inneres zu dringen. Man muss es nur zulassen (und die Absurdität der Bühnensituation ausblenden).


Komponisten wie Leoš Janáček oder Modest Mussorgsky, aber auch Benjamin Britten oder Kurt Weill, verwandeln Sprache auf wundersame Weise in Musik. Besonders Mussorgsky untersuchte die russische Sprache auf ihren Rhythmus und auf die unterschiedliche sprachliche Intonation in verschiedenen Bevölkerungsgruppen und verwandelte sprachliche Charakteristika (Betonungen auf bestimmten Wortsilben, Stottern oder das Sprechen eines Betrunkenen) in Rhythmus und Melodie. Das allein ist ein Meisterwerk. In seiner Autobiographie schreibt er, dass er mit seiner Musik Stimmungen versuchte aufzugreifen, die intrinsisch in „Human Speech“ (wichtig: nicht unbedingt Russisch) enthalten sind. Die Oper Boris Godunow ist ein einzigartiges Ergebnis seines Schaffens. Von der ersten bis zur letzten Sekunde dieses Stückes sitzt einem die Melancholie, die Tragik und Finsternis einer verzweifelten Nation tief in den Knochen.


Ein anderes Beispiel einer Oper von tiefsten menschlichen Gefühlen ist die Oper Peter Grimes von Benjamin Britten. Wir stellen uns ein kleines, von der Außenwelt abgeschottetes Fischerdorf vor. Die wenigen Menschen, die in dem Ort leben haben nichts Besseres zu tun als sich tagein tagaus das Maul über ihre Mitmenschen zu zerreißen. Ein Kandidat bietet besonders viel Angriffsfläche: Peter Grimes, ein Fischer, dessen Lehrlinge auf wundersame Weise immer wieder verschwinden und der durch die Tyrannei der Dorfgemeinde dem Wahnsinn verfällt. Der Schrecken der Einsamkeit dieses Mannes zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk. Und die Gefühle, die Peter Grimes erfährt, durchdringen die Musik, die diese besser widerspiegelt als der Text es je könnte. Man achte nur auf die Omnipräsenz des brausenden Meeres und der tosenden Stürme in der Musik. Dem Meer kommt in Peter Grimes eine vernichtende, zerstörerische Rolle zutage. Es ist das bedrohliche, aber auch verführerische Gewässer, zu dem Peter Grimes immer wieder zurückkehren muss. Es ist seine eigentliche Heimat, denn am Land wird er verstoßen. Aber sogar das Meer, seine Berufung, seine Heimat, ist tückisch und stürzt ihn ins Verderben. Peter Grimes ist eine Oper über den Außenseiter, den Verzweifelten, den Verstoßenen. Benjamin Britten schafft es, die ur-menschlichen Ängste und Gefühle in seiner Musik aufzunehmen, sie einem so zugänglich zu machen, als würde man sie selbst erfahren. Mehr noch: in seiner Musik liegt so viel Güte und Zärtlichkeit mit dem Protagonisten, dass der Zuhörende trotz allen Wahnsinns und Schrecken, den auch Peter Grimes verbreitet, barmherzig sein kann mit ihm.


Auch wenn Oper die Künstlichkeit schlechthin ist- auch wenn sie irrational und befremdlich scheinen kann, so steckt in ihr doch ein ganz fester Kern an Wahrheit und Vollkommenheit. Denn durch die Synergie wunderbarer Texte, fantastischer Bühnenbilder, Sänger und vor allem richtig guter Musik, findet sie einen Zugang zur menschlichen Psyche, zu dem man über die Vernunft nicht gelangt. Die Wahrheit, die durch Sprache nicht auszudrücken ist, findet sich allein in der Musik.


Für ein Opernerlebnis muss man nicht vermögend sein: Vor allem in Deutschland gibt es lauter günstige Angebote für Studierende und junge Leute. Sogar wenn es nicht klar auf der Website stehen sollte- ruft einmal beim Kartenoffice an und fragt nach Studierendentickets- damit bin ich immer erfolgreich. An alle aus München und an jene, die für einen Wiesn-Besuch bald in München sind: Am 21., 24.,27. und 30.9.2022 läuft Peter Grimes in der Münchner Staatsoper. Warum nicht die einmalige Chance nutzen und dieses Jahrhundert-Werk mit Weltstar-Sängern (u.a. Jonas Kaufmann) sehen?

15.09.2022

Comment Section/Kommentare

5 + 6